Berlin - Er kämpft und kämpft und kämpft. Wie der Batterie-Hase aus der Werbung hetzt Martin Schulz rastlos durch den Kontinent und trommelt für Europa. Er sitzt in Talkshows, diskutiert auf Deutsch, Französisch oder Italienisch, trifft kleine und große Leute. An 150 Orten wird er am Ende des sechswöchigen Wahlkampfes gewesen sein. Omnipräsent lächelt er von den Großflächenplakaten. Eine Schönheit ist der 58-Jährige mit der dicken Brille und der Halbglatze nicht, aber seine leidenschaftlichen Auftritte haben längst Kult-Status. Man spürt: Dieser Mann ist echt. Er brennt. Er will etwas bewegen.

Der Einsatz zeigt Wirkung. Allen absurden Attacken aus der CSU zum Trotz, die ihn mal als Menschenhändler und mal als Agenten der Schuldenstaaten denunzieren, hat der Sozialdemokrat aus dem rheinischen Würselen innerhalb von zwei Wochen beim ARD-Deutschlandtrend sechs Punkte zugelegt. Mit 39 Prozent vereint er nun fast doppelt so viel Zustimmung auf sich wie sein Gegenkandidat Jean-Claude Juncker, den nur noch 22 Prozent der Bundesbürger unterstützen.

Schulz drängt nach vorn

Der konservative Ex-Ministerpräsident von Luxemburg – obwohl nur ein Jahr älter als Schulz – wirkt wie ein Elder Statesman, der das politische Leben hinter sich hat. Vorsichtshalber hat die Union ihn erst gar nicht plakatiert, und auf den Marktplätzen der Republik sieht man ihn nur selten. Schulz hingegen drängt nach vorn. Er will wirklich EU-Kommissionspräsident werden. Innerhalb eines Monats hat er den Abstand zu seinem Konkurrenten verdreifacht.

Doch ehe die Genossen im Willy-Brandt-Haus voreilig die Korken knallen lassen, sollten sie sich die Umfragen genauer ansehen. Die SPD als Partei profitiert nämlich nur bedingt von dem Hoch namens Martin. Mit den erwarteten 27 Prozent würde sie bei der Europawahl zwar deutlich besser als beim letzten Mal abschneiden und auch ihr enttäuschendes Ergebnis der Bundestagswahl zumindest leicht übertreffen. Aber diese Hoffnung wird sich nur erfüllen, wenn die SPD ihre traditionell trägen Wähler tatsächlich zur Stimmabgabe mobilisieren kann. Und selbst dann bleibt der Abstand zwischen dem Kandidaten und seiner Partei riesig. Kein Wunder: Schulz punktet auch bei Grünen- und Linkspartei-Wählern. Deren Spitzenkandidaten durften am Donnerstagabend ein einziges Mal bei Phoenix mitdiskutieren. In der öffentlichen Wahrnehmung spielen sie keine Rolle.

AfD erreicht Höchstwert

Gut eine Woche vor der Europawahl scheint Schulz die Schlacht um die Herzen der deutschen Wähler haushoch gewonnen zu haben. Was daraus folgt, ist allerdings vollkommen offen. Es gibt nämlich keine Direktwahl des Kandidaten. Zur Wahl stehen vielmehr Parteien. Und das nicht nur in Deutschland. Der Anwärter auf den Posten des EU-Kommissionspräsidenten muss eine Mehrheit im Europaparlament hinter sich bringen. Das könnte ziemlich schwierig werden. Zwar liegen die sozialdemokratischen und die konservativen Parteien derzeit etwa gleichauf. Doch droht eine massive Verschiebung der Gewichte zugunsten von Nationalisten und Rechten, die eine Mehrheitsbildung erschwert. Dass die euro-feindliche Alternative für Deutschland (AfD) in der ARD-Umfrage mit sieben Prozent ihren bisherigen Höchstwert erreichen konnte, lässt für den Wahlabend Schlimmes vermuten.

Doch auch das Europaparlament hat nur ein Mitspracherecht bei der Bestellung des Kommissionspräsidenten. Die letzte Entscheidung treffen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union. Und unter diesen hat nicht nur die deutsche Kanzlerin Vorbehalte gegen Schulz. Auffällig deutlich weist Angela Merkel darauf hin, dass es keinen Automatismus bei der Personalentscheidung gibt. Gut möglich, dass sie mit dem Gedanken spielt, am Ende trotz einer möglichen Mehrheit für Schulz einen anderen Kommissionspräsidenten aus dem Hut zu zaubern.

Damit aber würde nicht nur die Europawahl, bei der alle Parteien bewusst mit Spitzenkandidaten antreten, ad absurdum geführt. Einen solchen Affront könnte sich auch die SPD in Berlin nicht gefallen lassen. Schon warnt ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel vor der „größten Volksverdummung in der europäischen Geschichte“.

Sollte Schulz tatsächlich ausgebremst werden, geriete die große Koalition also sehr schnell in eine existenzbedrohende Krise. Noch ist der Überzeugungs-Europäer aus dem Aachener Grenzland nur der Präsident der Herzen. Doch bald schon könnte er zur zentralen Figur der deutschen Innenpolitik werden. „Vor diesem Mann muss Angela Merkel Angst haben“, titelt das Magazin Stern in seiner aktuellen Ausgabe. Das klingt ein bisschen dramatisch. Aber es stimmt.