Dresden - Es ist mal wieder nicht der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der die richtigen Worte findet, sondern ein Dresdner Medizinprofessor: „Wann gab es das zuletzt, dass ein Gottesdienst mit Hass und Trillerpfeifen gestört wurde? Wann wurden zuletzt Gottesdienstbesucher beschimpft und angeschrien? Wann zuletzt wurden dunkelhäutige Gottesdienstbesucher aufs Schlimmste beleidigt?“, fragt der Wissenschaftler Gerhard Ehninger empört. „Schämt Euch!“, ruft er seinen Mitbürgern entgegen, „schämt euch nicht nur im stillen Kämmerlein.... Bekommt endlich den Hintern hoch!“

Der Tag der Deutschen Einheit ist für Dresden und Sachsen ein 4,2 Millionen Euro teures PR-Desaster geworden. Ein Jahr lang hat man sich auf die Feier vorbereitet, um dann mitansehen zu müssen, wie ein paar Hundert Schreihälse aus der Pegida-Bewegung – angeführt von einem mehrfach vorbestraften Drogenhändler, Einbrecher und Volksverhetzer – Politiker, Gäste und Dresdner in unvorstellbarer Schäbigkeit anpöbeln.

Dresden hinterlässt einen verheerenden Eindruck

Es sind Erlebnisse und Bilder, die sich einbrennen, da kann Sachsen so viele clevere Werbeagenturen anheuern, wie es will. Der Eindruck ist verheerend.

Es war ein Desaster mit Ansage. Man hätte es verhindern können, wenn Polizei und Versammlungsbehörde sich der Pegida-Störer mit der Strenge angenommen hätten, die andere Demonstranten in der Stadt schon erfahren haben.

Ergebnis der Dauer-Hass-Berieselung

Seit zwei Jahren vergiftet die fremdenfeindliche Pegida-Truppe das Klima und schürt Hass und Gewalt. Ist es ein Wunder, dass häufiger als andernorts Flüchtlingsheime in Sachsen brennen, Ausländer überfallen werden oder mal eine Bombe unterm Auto eines Freitaler Lokalpolitikers gelegt oder vor eine Dresdner Moschee angezündet wird? Es ist das Ergebnis dieser Dauer-Hass-Berieselung.

Noch trauriger ist, dass sich unter den 545.000 Dresdner Einwohnern immer noch nicht genügend Bürger finden, die den Hintern hochkriegen, um dem skandalösen Treiben offen, klar und laut entgegenzutreten – um ihre Stadt zu retten.

Dresden hat da Ekelthema schleifen lassen

Pegida, gegründet im Herbst 2014, ist mit dem Anwachsen der AfD schwächer geworden. Die Teilnehmerzahlen sind montags von zwischen 10000 und 20000 auf in der Regel 2500 geschmolzen. Man beschimpft die politische Elite, wünscht sich Putin statt Merkel und langweilt sich.

Die Führung ist zerstritten, der Anführer will auswandern. Eigentlich ist Pegida klein, aber die Zahl der Gegendemonstranten ist noch kleiner. Dresden und Sachsen haben das Ekelthema schleifen lassen. Keine klare Kante, keine eindeutige Haltung.

Leipzig hatte ähnliche Probleme, aber nach Großkundgebungen, angeführt vom Oberbürgermeister, versuppte der braune Spuk der dortigen Legida-Bewegung schnell.

Tillich ein Teil des Problems

In Dresden hat man lange versucht, mit den Hassbürgern zu reden, sie einzubinden anstatt die bürgerliche Mehrheit zu mobilisieren und gegen die Minderheit auftreten zu lassen. Der Dialog mit den Wutmenschen hat nie funktioniert. Das Gebrüll vor der Frauenkirche zeigt das Scheitern: Worüber reden mit Leuten, die schreien und gar nicht zuhören, nachdenken, argumentieren wollen?

Dresden war immer behäbig und Sachsen hat Warnungen gerne ignoriert. Man sei ja immun gegen Rechtsextremismus (Kurt Biedenkopf vor 16 Jahren). Ministerpräsident Stanislaw Tillich ist deutlich mehr Teil des Problems als der Lösung.

Stets verurteilt er brav, was wieder vorgefallen ist, so auch am Montag. Aber er kommt meist als Letzter, ob in Bautzen oder Clausnitz oder Freital oder Heidenau oder sonst wo. Brennt es in Sachsen, schickt er seine Minister los, die sich vor Ort mit den Wutbürgern herumschlagen müssen. Eigentlich ist Tillich guten Willens, nur scheut er Auseinandersetzungen. Ihm fehlen Mut und Entschlossenheit für den anstrengenden Nahkampf, in den sich die Politik in Sachsen verwandelt hat.

Pegida hat ihm vor längerer Zeit einmal rotzfrech die Bühne angeboten. Dort hätte Tillich Leuten erklären können, was seine Politik ist. Es gibt Politiker, die haben so etwas gemacht. Ein Landtagsabgeordneter in Vorpommern wusch einmal mit großem Erfolg der NPD auf ihrer eigenen Kundgebung den Kopf. Aber Tillich kniff.

Hintern hoch, Flagge zeigen

Tillichs Klotz am Bein ist seine CDU. Er kann ihr nicht mehr trauen. Sachsens Union, seit 1990 an der Regierung, seit 2014 mit der SPD, unter Biedenkopf lange erfolgsverwöhnt bis selbstherrlich, fasert nun unübersehbar an ihrem rechten Rand aus. Es gibt Christdemokraten, die offen mit der AfD liebäugeln, deren Wortwahl übernehmen und von „Umvolkung“ reden. Kurz: Es brennt.

Wenn der Nationalfeiertag eines zeigte, dann: Höchste Zeit, den Worten des Medizinprofessors zu folgen. Hintern hoch, Flagge zeigen, Demokratie leben. Eine Aufforderung an viele in Dresden und Sachsen, aber wohl zuerst und vor allem an den Regierungschef.