Waren Sie schon einmal beim Elternabend in der Schule Ihres Kindes, bis zur letzten nervigen Frage? Haben Sie sich zum Elternsprecher wählen lassen, oder zumindest die Hand für jemand anderen gehoben? Waren Sie schon einmal im Rat Ihres Viertels, Ihrer Stadt oder Gemeinde? Dort, wo bis in die Nacht vielleicht nicht genug über den Islam, aber immerhin über die neue Turnhalle gestritten wird. Haben Sie sich für eine Tempo-30-Zone eingesetzt, oder gar dagegen, weil Sie nicht durchs Leben schleichen wollen?

Haben Sie schon einmal beim Weihnachtsgottesdienst in der Kirche die Gesangbücher ausgeteilt, oder zumindest nach der Messe draußen vor der Tür den Glühwein ausgeschenkt, weil Sie das besser können? Oder sehen Sie das anders: Wollen Sie nicht, dass in der Schule Ihrer Tochter Religionsunterricht angeboten wird, und sagen Sie das auch deutlich? Das wäre ja auch eine Meinung.

Haben Sie Ihre Kinder ermuntert, einmal Klassensprecher zu werden, weil sie dann etwas zu sagen haben, vielleicht Dinge ändern können, die ihnen nicht passen? Waren Sie schon einmal Schülerlotse? Nein? Na gut, nicht so wichtig, da findet sich immer einer.

Schon einmal einem Polizisten gedankt?

Doch Sie wissen, wo das Wahlkreisbüro Ihres Abgeordneten liegt? Nicht ganz? Nun ja, da sind Sie auch nicht der Einzige.

Aber Sie waren als Bürger im Gemeinderat, als es darum ging, über das neue Flüchtlingsheim im Gewerbegebiet zu diskutieren? Haben Sie da gesagt, dass Sie dagegen sind? So, wie es manche, und vielleicht auch Sie, neulich auf der Straße gerufen haben, bei Pegida, Legida, Kögida? Nein, das haben Sie nicht gesagt? Vielleicht haben Sie in einem Altersheim Menschen besucht, die Ihnen noch erzählen können, wie zerstört dieses Land einmal war. Und warum. Haben Sie sich mit ein wenig Mitgefühl um die alten Leute gekümmert, ehrenamtlich? Waren Sie einmal Schöffe, kennen Sie jemanden, der bei der Freiwilligen Feuerwehr hilft?

Haben Sie einmal den Reichstag in Berlin besucht? Auch nicht? Da haben Sie etwas verpasst, wirklich.

Aber Sie haben schon einmal einen Leserbrief an die Zeitung geschrieben, mit vollem Namen sogar. Und Sie haben sogar nichts dagegen, Steuern zu zahlen, weil sie es gut finden, dass in diesem Land niemand auf der Straße leben muss, und die Polizei neue Autos fährt.

Die in Berlin sollen mal herhören

Erinnern Sie sich noch, wie schnell der Krankenwagen da war, als es Ihrer Mutter plötzlich nicht gut ging? Haben Sie schon einmal einem Polizisten gedankt, der dafür sorgt, dass Sie sicher in Dresden und Leipzig, in Köln und Berlin demonstrieren können, wofür und wogegen auch immer? Das vielleicht schon. Und manchmal ärgert es Sie ja auch, dass Sie den Betriebsrat in Ihrer Firma schon lange nicht mehr gesprochen haben, na ja, was kann der schon tun? Das sagen doch alle.

Aber Sie haben sich über Ihren deutschen Reisepass und den Euro gefreut, wenn Sie in Tschechien Urlaub gemacht haben. Das auch, oder? Vielleicht sogar über die deutsche Wiedervereinigung? Lange her, das stimmt. Ach, Sie sind beim letzten Mal gar nicht mehr zur Wahl gegangen, darauf sind Sie auch stolz?

Und nun? Nun wollen Sie plötzlich, dass Ihnen die Politiker mal besser zuhören. Nein, nicht nur die im Gemeinderat, wo Sie nie hingegangen sind. Die in Berlin sollen auch alle mal herhören, „diese Politik“, um die Sie sich nie gekümmert haben, die soll sich endlich mal kümmern.

Mischen Sie sich ein!

Aber sind Sie nicht auch „diese Politik“, könnten Sie es nicht sein, könnten Sie nicht mehr Einfluss nehmen? So, wie es viele Ihrer Nachbarn längst tun, im Westen und im Osten des Landes.

Diejenigen, die 1989 „Wir sind das Volk“ gerufen haben, beendeten ja eine Diktatur, in der man sich nicht einmischen konnte. Das ist nun wirklich vorbei. Dafür haben damals die Bürgerrechtler gekämpft, dass Bürger heute ihre Rechte wahrnehmen können. Bürger wie Sie.

Ja, es stimmt schon, niemand hat Sie persönlich eingeladen, sich in diesem Land zu engagieren. Aber warum versuchen Sie es nicht einfach mal? Jetzt, wo Sie sich ohnehin nicht mehr darauf verlassen können, dass die verblassende Pegida dem Protest den Weg, die Straße ebnet.

Mischen Sie sich ein, denn so war das gedacht in dieser Republik, und wer sagt, dass es nicht möglich ist, der muss erst einmal das Gegenteil beweisen, nicht an einem Montag oder zweien auf der Straße. Sondern an vielen Montagen, Dienstagen und Donnerstagen, auf dem Elternabend, im Gemeinderat, im Betriebsrat, sogar in der Kirchengemeinde.

Und erst wenn das alles nichts hilft – dann können Sie sagen, dass Ihnen hier niemand zuhört.