Die Gegner der AfD freuen sich zu früh, wenn sie nach dem Rechtsruck auf dem Essener Parteitag eine Austrittswelle und damit das Ende der Partei erwarten. Bis Dienstag gab es nur 512 Abtrünnige – zwei Prozent. Ohnehin ist die Mitgliederzahl einer Protestpartei wie der AfD zweitrangig: Bei Wahlen dient sie als Ventil für jene, die den „Altparteien“ Denkzettel geben wollen. In die Landtage bringt das nur Krawall und Pöbeleien. Konstruktive Politik wird so eher gelähmt.

Dass es aber das Wählerpotenzial gibt, zeigen Phänomene wie die Pegida-Massendemos. Auch deren Abklingen sind kein Grund zur Entwarnung: Pegida kündigt jetzt an, bald bei Landtagswahlen anzutreten. Bei Dresdens Rathaus-Wahl bewies Pegida bereits, dass rechte Polemik fast 10 Prozent einbringt, wenn die Stimmung passt. In Sachsen passt sie, so aggressiv protestieren „besorgte Bürger“ in Freital und anderswo gegen Flüchtlinge, so hilflos reagieren die „Altparteien“. Beide haben aus der Hasswelle der 90er-Jahre nichts gelernt – oder das Falsche. Es ist aber einer Demokratie unwürdig, nur auf die Zersplitterung und gegenseitige Lähmung der Rechtsaußen zu hoffen. Auch die Versuche, die Frustbürger durch populistische Sprüche einzufangen, verschärfen nur das Problem. Seriöse Politik muss sich fragen, wie sie derlei Misstrauen und Wut auslöst. Ein Stichwort sollte die wachsende soziale Kluft sein, die Neid und Abstiegsängste erst hervorrufen.