Kommentar zu Thüringen: Bodo Ramelows Wahl ist ein Zeichen der Normalität

Berlin - Der Schreck war Ramelow anzusehen, als ihm im ersten Wahlgang eine Stimme fehlte, die entscheidende Stimme. Vielleicht war das ein Warnschuss, vielleicht einfach das Versehen eines zu aufgeregten Abgeordneten aus der dem rot-rot-grünen Lager – das wird man wohl nie erfahren. Aber unter dem Strich ist das auch egal, nun kann der neuen Mann sich mit seinem Team an die Arbeit machen und Linke, SPD und Grüne müssen zeigen, dass sie mehr können als nur einen Ministerpräsidenten wählen.

Das traurige Spiel der CDU aber ist nicht aufgegangen, mit einem in letzter Minute aus dem Hut gezauberten unabhängigen Kandidaten die Reihen von Rot-Rot-Grün noch aufzubrechen. Dazu hätte es früher ehrlicher Angebote bedurft, die Sozialdemokraten oder Grünen eine andere Perspektive hätten bieten können. Doch die seit Jahren in Macht- und Lagerkämpfe verwickelt thüringische CDU war dazu nicht in der Lage. Ihr ging es bis zuletzt nur um Trickserei.

Historisch ist ein großes Wort, aber die neue Regierungskonstellation in Thüringen hat diese Bezeichnung verdient. Dass ausgerechnet im 25. Jahr nach dem Mauerfall mit Bodo Ramelow erstmals ein Mann Ministerpräsident eines Bundeslandes werden soll, dessen Partei sich aus der SED entwickelt hat, ist ein bedeutender Einschnitt für die ganze Republik. Wie sehr dies über Thüringen hinausstrahlt, zeigt die bundesweite Aufmerksamkeit für die Wahl in Erfurt, ebenso wie die Empörung im bürgerlichen Lager.

Ein Schritt in die Zukunft

Unionsfraktionschef Volker Kauder drohte seinem Koalitionspartner, das werde er der SPD  nicht vergessen. Und die Bild-Zeitung trompetete gegen die „Skandal-Wahl“ in Thüringen. Dass sie das Ergebnis demokratischer Wahlen war und die drei Parteien dem Land eine Phase der Unregierbarkeit und politischen Instabilität erspart haben, darüber schweigen diese Kritiker.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat die Wochen rund um das Mauerfalljubiläum geprägt, die Fragen nach dem Unrechtsstaat DDR, der Rolle der SED, der Aufarbeitung der Linken. Auch der Thüringer Koalitionsvertrag widmet diesen Themen noch einmal viel Raum, das war eine notwendige Voraussetzung für SPD und Grüne, sich auf das Projekt einzulassen. Tatsächlich aber ist dieses Bündnis ein Schritt in die Zukunft und ein Zeichen der Normalität im vereinten Deutschland.