Berlin - Im Jahr 1972 zog Wolfgang Schäuble erstmals in den Bundestag ein. Man muss das vielleicht noch einmal wiederholen: 1972! Er ist also seit 45 Jahren Mitglied im Hohen Haus. Schäuble war seither alles Mögliche: Fraktionschef, Innenminister und Finanzminister. Nun krönt er seine Laufbahn als Bundestagspräsident. Das ist eine gute Nachricht.

Schäuble ließ sich in die Pflicht nehmen

Den 75-Jährigen selbst wird der Posten nicht so recht zufriedenstellen. Er gehört zu jenen Menschen, die viel Arbeit, viel Macht und auch viel Reibung brauchen. Sonst werden sie nicht glücklich. Als Parlamentspräsident wird Schäuble diese Neigungen kaum ausreichend zur Geltung bringen können. Freilich war ihm ein Ministerposten nicht mehr sicher.

Und vermutlich hat Schäuble sich auch in die Pflicht nehmen lassen. Denn tatsächlich ist er einer der wenigen, vielleicht der einzige, dem man zutraut, eine auf Provokationen scharfe AfD-Fraktion in die Schranken zu weisen. Seine Erfahrung, seine Härte, sein Sarkasmus könnten zur Anwendung kommen – zum Wohl des gesamten Staates. Das gilt umso mehr, als Schäuble ein Konservativer ist. Dies dürften auch viele bei SPD, FDP, Linkspartei und Grünen so sehen.

Ja, es liegt eine besondere Ironie darin, dass Wolfgang Schäuble auf seine alten Tage noch zum Hoffnungsträger der Linken wird. Welch‘ eine Karriere!