Das Herausstreichen einzelner Sätze oder auch ganzer Passagen aus dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat Tradition. Seit Veröffentlichung des ersten Berichts im Mai 2001 hat sich stets ein Ministerium gefunden, dessen Leitung die eine oder andere Aussage im Bericht als unpassend erachtet. An diesen Stellen setzt man, meist weniger aus sachlichen, denn auch parteipolitisch-weltanschaulichen Gründen, entschlossen den Rotstift an.

Diesbezüglich bildet auch aktuelle Bericht, der sich derzeit in der Ressortabstimmung befindet und im Februar veröffentlicht werden soll, keine Ausnahme. Dem Vernehmen nach hat insbesondere das Bundeskanzleramt im Text herum gefuhrwerkt und einige zentrale Aussagen entfernt, die in der ersten, vom Bundesarbeitsministerium formulierten Fassung noch enthalten waren. Es handelt sich dabei um Passagen, denen zufolge Anliegen betuchter Bevölkerungskreise mit größerer Wahrscheinlichkeit von der Politik umgesetzt werden als Forderungen armer Schlucker.

Schlicht dämlich

Dass die Verbände von Ärzten, Apothekern oder Juristen in Berlin eher Gehör finden als etwa die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, ist in der Tat kein Geheimnis. Eine Aussage, die diese Binse unterstreicht, stünde dem Bericht daher durchaus gut an, zumal der Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft und politischem Einfluss auf ausdrücklichen Wunsch der  Bundesregierung  erstmals im Bericht themastiert werden sollte.

Dass diese Passagen nun geschönt oder ganz gestrichen werden, ist nicht nur unaufrichtig, sondern schlicht dämlich. Denn die Erfahrungen der vergangenen 15 Jahre mit bisher vier Armuts- und Reichtumsberichten zeigen, dass es kein wirksameres Mittel zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit für bestimmte Aussagen gibt, als sie zu streichen.