Kommentar zum Auschwitz-Prozess: Ein spätes, ein richtiges Urteil

Fünf Jahre Haft für die Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen, fünf Jahre Haft für die Auslöschung von 170 000 Leben – das mutet gering an. Aber fünf Jahre Haft, das bedeutet für einen 94-Jährigen wohl eher: lebenslänglich. Und die Strafe allein klingt schon deshalb so hart, weil der ehemalige Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning, über den dieses Urteil gesprochen wurde, längst ein Greis ist.

Aber ist es nicht richtig, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die man überhaupt noch verurteilen kann? Die alten Männer, die einmal junge SS-Männer waren. Die keine Gnade walten ließen, jetzt aber für sich Gnade einfordern. Und die – vergessen wir das nicht – jahrzehntelang unbehelligt in unserer Mitte waren. Lebten die Täter nicht lange genug mit einer unendlichen Milde dieser Gesellschaft, dass fünf Jahre Haft dies gar nicht ausgleichen können? Dass sie als Greise verurteilt werden, heißt ja auch, dass sie lange verschont blieben.

Wer heute Mitleid mit den altgewordenen Tätern hat, sollte daran denken. Und zuerst an die Opfer.

Juristisch betrachtet ist das Urteil zumindest folgerichtig, weil sich die Auffassung durchgesetzt hat, dass man einem SS-Mann in Auschwitz nicht jeden einzelnen Mord nachweisen muss, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen.  Aber es ist auch aus einem weniger formalen Grund richtig, dass Reinhold Hanning verurteilt wurde.

Den Grund dafür hat der heute alte Mann übrigens selbst einmal formuliert: „Ich möchte Ihnen sagen, dass ich zutiefst bereue, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben, die für den Tod vieler unschuldiger Menschen, für die Zerstörung unzähliger Familien, für Elend, Qualen und Leid aufseiten der Opfer und deren Angehörigen verantwortlich ist.“  Wer so klar über Reue redet, wird auch wissen, welche Sühne eine Gesellschaft für diese Verbrechen erwarten muss.