Berlin - Deutschland ist längst ein Einwanderungsland. Es gehört zu den großen Lebenslügen dieser Gesellschaft, das immer noch nicht wahrhaben zu wollen. Vor allem der rechte Flügel der CDU und die CSU haben verhindert, dass Deutschland sich ein Einwanderungsgesetz gibt, das klar regelt, wer zu uns kommen darf und soll. Andere Länder haben vorgemacht, dass sich Einwanderung regulieren und steuern lässt, bis zu einem gewissen Grad zumindest.

Deutschland streitet seit vielen Jahren über ein Einwanderungsgesetz, auch in der letzten Legislaturperiode haben die Unionsparteien es blockiert. Das ist ein riesiges Versäumnis und umso unverständlicher, als es an vernünftigen Vorschlägen nicht mangelt, auch seitens der SPD. Es ist also ein Fortschritt, dass es endlich im Koalitionsvertrag verankert wurde. Der federführende Innenminister Horst Seehofer von der CSU hatte es allerdings nicht eilig damit. Lieber stritt die CSU um die lächerliche Frage, ob an der deutsch-österreichischen Grenze zwei Asylbewerber am Tag zurückgeschickt werden dürfen.

Wichtigste Projekt der neuen großen Koalition

Ein Gutes hatte der Streit aber, die SPD verlangte für ihr eigenes Stillhalten der Union ab, dass das Einwanderungsgesetz jetzt schnell auf den Weg gebracht wird. Es ist zweifellos eines der wichtigsten Projekte der neuen großen Koalition. Anstatt es defensiv und gleichsam versteckt anzugehen, wäre es ihre Aufgabe zu erklären, warum es dringend notwendig ist, was es leisten kann und was nicht – gerade in Zeiten, in denen die Rechtspopulisten erstarken und den aufgeheizten Diskurs beim Thema Einwanderung, Migration und Asyl dominieren.

Deutschland braucht endlich ein modernes Einwanderungsrecht. Aber schon mit dem Begriff tut sich die große Koalition nach wie vor schwer, obwohl auch die Wirtschaft es seit Jahren fordert. Es zeugt nicht gerade von politischem Mut, dem Vorhaben den sperrigen Namen Fachkräfteeinwanderungsgesetz zu geben. Das steht in einer langen Tradition, sie reicht zurück bis zu den sogenannten Gastarbeitern der 60er und 70er Jahre.

Deutschland hat auch keine Kultur der Einwanderung

Dass Spanier, Italiener, Jugoslawen und vor allem Türken auf Dauer bleiben könnten, die damals als Arbeitskräfte ins Land kamen, lag außerhalb der Vorstellungskraft der meisten Deutschen. Erst recht vermochte sich niemand vorzustellen, dass sie das Land verändern würden. Bis heute hat Deutschland auch keine Kultur der Einwanderung.

Es ist bezeichnend, dass das Wort „Einwanderung“, nur für sich stehend, in Seehofers Eckpunkten nicht ein einziges Mal vorkommt. Sie sind ohnehin in vielem noch vage oder beziehen sich auf bereits geltende Regeln. Zumindest lässt sich erahnen, in welche Richtung es gehen soll. Werben will Deutschland vor allem um qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland, und die braucht es ja schon jetzt dringend, auf dem Bau, im Gesundheitswesen, in der Pflege.

Demografischer Wandel beim Fachkräftemangel

Der Fachkräftemangel in vielen Bereichen wird noch verstärkt durch den demografischen Wandel. Schon jetzt fehlen in Deutschland 1,6 Millionen Arbeitskräfte. Insofern ist es auch konsequent, den Vorrang von einheimischen Bewerbern zumindest zu lockern und dafür zu sorgen, dass in Mangelberufen bei Arbeitnehmern aus dem Ausland die praktische Erfahrung stärker berücksichtigt werden soll als ein formaler Abschluss, der vielleicht einem deutschen entspricht.

Auffällig sind aber die inhaltlichen Leerstellen in Seehofers Entwurf. Wie schon sein sogenannter Masterplan Migration trägt er die deutliche Handschrift der CSU. Ein Punktesystem, wie es klassische Einwanderungsländer wie Kanada seit vielen Jahren erfolgreich praktizieren und das auch die SPD für richtig hält, ist nicht vorgesehen. Dabei wäre es schlicht vernünftig, von solchen Erfahrungen zu profitieren. Man darf gespannt sein, wie der Bedarf ermittelt werden soll und wann auch hier das Stichwort Obergrenze fällt.

Stoff für Wahlprogramme

Wichtiger ist es Seehofer, darauf hinzuweisen, dass eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme verhindert werden soll. Das mag Stoff für Wahlprogramme sein, in einem Einwanderungsgesetz hat Ideologie nichts verloren. Zu hoffen ist, dass über das Gesetz noch ernsthaft verhandelt wird, ohne neue Drohungen und Kriegserklärungen. Sonderlich optimistisch stimmt das Verhalten der CSU in den vergangenen Wochen allerdings nicht.

Auch der sogenannte Spurwechsel, der Wechsel vom Asyl- ins Einwanderungsrecht, fehlt. Die CSU ist nach wie vor strikt dagegen, dass abgelehnte Asylbewerber, die eine Ausbildung absolvieren oder bereits abgeschlossen haben und gut integriert sind, bleiben dürfen. Sie befürchtet neue „Anreize“ – auch das ist ideologiegetrieben. Es wäre auch hier ein Gebot der Vernunft und ganz nebenbei der Humanität, diesen Menschen und denen, die seit Jahren mit einer Duldung im Land leben, eine Chance zu geben. All das könnte ein modernes Einwanderungsrecht leisten – wenn man es nur will. Im Idealfall würde es das Asylrecht ergänzen, nicht mehr und nicht weniger.