Kommentar zum Fall Özil: Trübselige Debatte über Integration in Deutschland

Eines vorab: Diesen Text hätte vielleicht besser jemand geschrieben, der weiß, wie es ist, wenn zwei Herzen in der Brust schlagen, ein türkisches und ein deutsches, wie Mesut Özil es formuliert hat. Dass sich in der Redaktion keiner gefunden hat, führt schon mitten hinein in die Auseinandersetzung um den deutschen Nationalspieler, der keiner mehr sein will. Die Bundesrepublik ist seit vielen Jahren ein Einwanderungsland. Doch so schrecklich weit sind die Einwanderer in den Hierarchien dieses Landes noch nicht gekommen. Das gilt für fast alle Gesellschaftsbereiche: für die Politik, die Verwaltung, Polizei und Justiz, Schulen und Universitäten sowie für die meisten Wirtschaftsbereiche.

Zudem zeigt der extrem niedrige Anteil von Mitbürgern aus der ehemaligen DDR im sogenannten Establishment, wie undurchlässig die Sphären schon dann sind, wenn weder fremd klingende Namen noch Sprachprobleme entgegenstehen. Da wirken noch ganz andere Kräfte. Insofern wirft Özils Erklärung zu seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft ein grelles Licht darauf, dass der Stand der Debatte über Integration und auch Demokratie in Deutschland viel trübseliger ist als erhofft.

Selbstverständlich war das Treffen Özils und seines Mannschaftskameraden Ilkay Gündogan mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan im türkischen Wahlkampf mindestens eine Dummheit. Wie unpolitisch und naiv Özil mit diesem Thema umgeht, zeigt seine Twitterbotschaft vom Sonntag. Wer ihn dann so dreist instrumentalisiert hat, das wäre noch einmal ein ganz anderes Thema. Tatsache ist aber auch: In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit, und die gilt auch für Nationalspieler. Darauf hätten der DFB oder auch Özils Mitspieler gern einmal hinweisen dürfen. So aber ist aus dem Foto-Shooting mit Erdogan eine Staatsaffäre gemacht worden, die vor allem zeigt, wie unfreundlich inzwischen in diesem Land das Klima ist für Menschen, die einem dubiosen Begriff vom korrekten Deutschsein nicht entsprechen.

Merkel mit Anstand, Seehofer sagt lieber nichts

Es ist wieder einmal Angela Merkel, die in dieser Situation vorführt, was Anstand ist. Sie gibt Mesut Özil sozusagen noch einmal die Hand, wie einst, als er ihr in der Spielerkabine entgegentrat. Sie schätze ihn sehr, ließ die Kanzlerin am Tag nach seinem Rückzug erklären, den tollen Fußballspieler, der so viel für die Nationalmannschaft geleistet habe. Ihr Innenminister Horst Seehofer wollte dagegen lieber nichts sagen, sich nicht „in diese internen Angelegenheiten einmischen“. Welche Interna meint denn der Minister, der nicht nur für Sport zuständig ist, sondern auch für die Integration?

Seehofer hat von Merkel ganz offiziell den Auftrag, endlich ein Einwanderungsgesetz vorzulegen, das seine CSU über Jahre blockiert hat – gegen jeden Realitätsdruck. Ein solches Gesetz ist vielleicht für lange Zeit die letzte Chance, endlich Akzeptanz zu schaffen für Menschen, die eine andere Kultur und Geschichte mitbringen als jene, deren Vorfahren seit Jahrzehnten und Jahrhunderten hier leben. Es ist selbstverständlich, dass sie unsere Regeln und Gesetze beachten müssen. Niemand aber kann es ihnen versagen, dass zwei Herzen in ihrer Brust schlagen. Es darf nicht zweierlei Maß geben. Das ist eine Frage von Gesetzen, vor allem aber von Geisteshaltung.

Dazu gehört es erst einmal, die anschwellende Welle der Fremdenfeindlichkeit abzuwehren, auf der gewählte Abgeordnete von Kopftuchmädchen und Messerjungs reden, wenn sie Zuwanderer meinen. Der nächste Schritt muss sein, die Blockaden abzubauen, die den Aufstieg der neuen Deutschen noch so sehr behindern. Dass dies ausgerechnet mit einem Minister gelingen sollte, der die Debatte um Mesut Özil für eine interne Angelegenheit von wem auch immer hält, das ist allerdings schwer vorstellbar.