Zwei Wochen lang hat die Familie  der 14-jährigen Susanna F. gehofft und gebangt. Doch am Donnerstag wurde gewiss, dass der schlimmste Fall eingetreten ist. Das Mädchen ist vergewaltigt und umgebracht worden, ihre Leiche wurde zwischen Bahngleisen und Feldern verscharrt. Ein solch brutales Verbrechen lässt niemanden kalt. Daher sorgen derartige Gewalttaten immer für großes Aufsehen.

Diskussion spaltet die Gesellschaft

Doch dieser Fall hat auch deshalb Schlagzeilen gemacht, weil es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 20-jährigen irakischen Flüchtling handelt. In den vergangenen Monaten hat es bereits mehrere derart spektakuläre Gewalttaten an Frauen und Mädchen gegeben. Einige wurden von Flüchtlingen verübt. Daraus hat sich eine Diskussion entwickelt, die sich im wesentlichen zwischen zwei Polen bewegt. Die einen nehmen die Taten als Argument dafür, dass abgelehnte oder straffällig gewordene Asylbewerber rigoros abgeschoben werden müssen. Die anderen beklagen, dass das Wort Flüchtling vor allem zusammen mit dem Wort Kriminalität verwendet wird und warnen vor sozialer Kälte.

Wohin gehört man, wenn man findet, das beide Seite unrecht haben? Wenn man der Meinung ist, dass es die Sicherheit in Deutschland kaum verbessert, wenn asylsuchenden Menschen von vorneherein mit Misstrauen begegnet wird? Wenn man aber dennoch davon überzeugt ist, dass mit den Flüchtlingen durchaus auch einige nicht unbeträchtliche Probleme nach Deutschland kamen?

Der Verdächtige im Mordfall Susanna F.  flüchtete mit seiner Familie ins  Ausland. Acht Personen reisten mit Dokumenten der irakischen Botschaft, auf denen andere Namen standen als auf den Aufenthaltspapieren. Bei den Sicherheitskontrollen soll das nicht aufgefallen sein. Wie ist das möglich? Mittlerweile ist man sich nicht mal mehr sicher, ob die Familie im Asylverfahren ihre richtigen Namen angegeben hat.

Das deutsche Asylsystem hat eine zynische Komponente

Spätestens ab diesem Punkt wird der Kriminalfall auch zum politischen Problem. Die frühere Ausländerbeauftragte Berlins und heutige Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Barbara John, hat es jüngst im Interview mit der Berliner Zeitung beschrieben. Deutschland, so kritisiert sie, gewähre Menschen eine „voraussetzungslose Einreise“, wenn sie sich auf das Asylrecht berufen. Im Klartext: Wer es an unsere Grenzen schafft und um Asyl ersucht, wird erst einmal aufgenommen, auch ohne Papiere. Es ist eine gute Sache, Menschen in Not nicht abzuweisen. Aber seien wir ehrlich: Das Prinzip lädt auch zum Missbrauch ein, und es ist nur logisch, dass es neben den echten Bedürftigen auch Kriminelle anzieht.

Das mag kalt und herzlos klingen. Aber wenn wir man genau hinsieht, ist es unser Asylsystem, das eine  zynische Komponente hat. Weil es auf dem Prinzip beruht, dass die Hilfesuchenden persönlich an die Tür klopfen, sind die jungen und starken Flüchtlinge im Vorteil. Junge Männer, die nicht zuletzt mit der teueren und illegalen Hilfe von Schleppern bis zu uns gelangen. Sie sind deshalb bei den Flüchtlingen in Deutschland auch deutlich überrepräsentiert.  

Aus der Übergangssituation darf kein Dauerzustand werden

Natürlich – man kann es nicht oft genug betonen – werden die meisten von ihnen nicht straffällig werden, keine Gewalttaten verüben, sich mehr oder weniger problemlos integrieren und vielleicht auch wieder ausreisen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass der Fall von Wiesbaden keine gesellschaftliche Debatte entfacht, in der es wieder um Unsicherheit und Ressentiments gehen wird.

Statt Vorbehalte zu schüren, sollten wir uns den Tatsachen stellen. Und zu diesen gehört, dass es nicht allein damit getan ist, Flüchtlinge aufzunehmen. Es gebietet die Fairness gegenüber Asylsuchenden wie Alteingesessenen, dass aus einer Übergangssituation kein Dauerzustand wird. Die Verfahren müssen deutlich beschleunigt werden. Wer keine Bleibeperspektive hat, muss das schneller wissen und ja, vielleicht auch konsequenter abgeschoben werden. Wer aber hier bleiben wird, und sei es nur für einige Jahre, sollte besser als bisher bei der Integration unterstützt werden. Davon hätten wir alle etwas.