Berlin - In meiner persönlichen Welt müsste es den Frauentag nicht geben.  Ich bin 25 Jahre alt und in einer Generation aufgewachsen, in der es selbstverständlich war, dass ich immer das machen und werden durfte, was ich wollte – völlig gleichberechtigt. Ich hatte nie das Gefühl, weniger als ein Mann wert zu sein. Ich lebe in einer Beziehung, in der der eine seiner Vorliebe des akkuraten Geschirrspüler-Einräumens nachgeht und der andere für gut riechende Wäsche sorgt - 50/50 eben, ganz normal. Bei meinen Freunden nehmen sowohl der Mann als auch die Frau Elternzeit. In meinem Beruf verdiene ich so viel wie meine männlichen Kollegen und kann mich genauso wie sie einbringen.

Halbnackte Frauen sind komplett ok

Und wenn ich wohl oder übel doch in einer reinen Männerrunde lande, wie es in manchen Politikredaktionen immer noch üblich ist, habe ich die Chance mit einer anderen Sichtweise gegenzualten – meistens werde ich sogar dazu ermutigt. Wenn mich jemand unpassend anbaggert, habe ich keine Probleme damit, dementsprechend forsch zu reagieren – weil ich es kann.  Für mich widerspricht es auch nicht dem fortschrittlichen Frauenbild, wenn junge Frauen sich halbnackt auf Werbeplakaten zeigen. Der wichtige Punkt dabei ist doch, dass sie es selbstbestimmt tun können. Frauen, die sich so darstellen, sind in einer modernen Gesellschaft genauso legitim, wie jene, die als Staatsanwältin oder Firmenchefin arbeiten.

Warum also einen speziellen Tag begehen für etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte? Die Antwortet lautet: Weil sich meine Welt nicht auf alle Frauen übertragen lässt, und deswegen folgen nun zwangsläufig das kleine und das große Aber, die diesen Tag eben doch irgendwie nötig machen. 

Lohnkluft in Deutschland

Das kleine Aber ist in diesem Fall Deutschland. Die Lohnkluft zwischen Männern und Frauen ist in Deutschland so groß wie in kaum einem anderen Land Europas. So verdienen Frauen hierzulande im  Schnitt brutto 21,6 Prozent weniger als Männer. Nur in Estland und Österreich ist der Abstand noch größer. Das geht aus einer Antwort des Bundessozialministeriums auf eine Anfrage der Linken hervor. Wenn man bedenkt, welch fortschrittliche Position Deutschland ansonsten in Europa einnimmt, sind diese Zahlen erschreckend hinterwäldlerisch.

Experten sagen, diese Statistik rühre vor allem daher, dass so viele Frauen nur in Teilzeit arbeiten können. Es ist daher zwingend notwendig, das Betreuungsangebot weiter auszubauen, damit all diejenigen die wollen oder es finanziell müssen, wenigstens die Option auf eine Vollzeitstelle bekommen und trotzdem Kinder erziehen können.

Politik und Wirtschaft müssen es schaffen, dass typische Männer- und Frauenberufe auch das jeweils andere Geschlecht ansprechen. So müssen auch wirklich wichtige Positionen in Parteien und politischen Organisationen mit mehr Frauen besetzt werden, genauso wie der Beruf als Erzieher auch für Männer attraktiver sein muss.

Sexismus im Alltag

Und auch im privaten Bereich ist Gleichberechtigung noch lange nicht in allen Generationen angekommen. Eine erfahrene Genderwissenschaftlerin erzählte mir vor kurzem eine passende Anekdote, wie oft ihr Sexismus noch immer im Alltag begegne: Ihr Ehemann ist in einem Bekleidungsgeschäft auf der Suche nach einem neuen Mantel. Während er im Spiegel begutachtet, wie das auserwählte Stück sitzt, wendet sich der Verkäufer an seine Frau – die wohlgemerkt nur zur Beratung anwesend ist – und sagt: „Den können Sie auch besonders leicht waschen.“

Alles Dinge und festgefahrene Rollenbilder, die sich ändern müssen, um Parität zu erreichen. Aber die Entwicklungen in Deutschland sind ja durchaus positiv. Viel schlimmer – und das ist das große Aber – sieht es außerhalb Deutschlands aus.

Ein globales Problem

Einer neuen Studie zufolge können im Jahr 2016 weltweit eine halbe Milliarde Frauen nicht lesen, 62 Millionen Mädchen wird das Recht auf Bildung verweigert und in 155 Ländern gelten nach wie vor Gesetze, die Frauen nicht so behandeln wie Männer. Die Situation ist vor allem in Afrika kritisch. Schlusslicht ist Niger, gefolgt von Somalia und Mali. In Niger gehen Mädchen 16 Monate weniger zur Schule als Jungen.

Ich halte es für die Pflicht von Regierungen auf der ganzen Welt, dafür zu sorgen, dass Mädchen und Frauen gleichen Zugang zu Bildung bekommen. Nur so  erhalten sie die Grundlage, sich eine Zukunft nach ihren Vorstellungen zu gestalten. 

Ob nun für das große oder das kleine Aber: Es steht fest, dass noch für eine Menge gekämpft werden muss – übrigens von Frauen und Männern gleichermaßen –   damit der Weltfrauentag endlich nicht mehr nur für Teile meiner Generation, sondern für alle, überflüssig wird. 

 

Kristin Hermann ist 25 Jahre alt, Volontärin des Weser-Kuriers und arbeitet zurzeit in der DuMont-Hauptstadtredaktion