Es brennt. Bis vor ein paar Tagen war die Umschreibung einer eiligen, dringenden Sache nur ein geläufiges Bild der Alltagssprache. Jetzt wird es zur Formel einer Kriegserklärung an das Deutschland, wie wir es zu kennen glaubten.

Ein übersteigerter, hysterischer Befund? Als Vorstufe körperlicher Gewalt gibt es nichts Schlimmeres, als jemandem das Dach über dem Kopf anzuzünden. Feuer zerstört die Existenz, vernichtet Vergangenheit und Gegenwart - unwiderruflich, unwiederbringlich. Die Anschläge auf Gebäude, die für Flüchtlinge bestimmt sind, hinterlassen verbrannte Erde: Dieser Ort soll unbewohnbar sein, hier soll niemand Frieden finden, sich ein neues Leben aufbauen können.

Das ist die Symbolik dessen, was in diesen Tagen in ganz Deutschland passiert. Jede einzelne Brandstiftung ist ein Anschlag auf unsere Werteordnung, den inneren Frieden - was ist das anderes als eine Art von Krieg? Das "Pack" jedenfalls, von dem SPD-Chef Sigmar Gabriel gesprochen hat, setzt die Gewalt sehr gezielt ein, im Wissen um die Symbolik. Und Gabriels betont verächtliche Rede lenkt leider davon ab, dass die Brandstifter auf der Straße Rückhalt durch geistige Zündler und fremdenfeindliche Gesinnungstäter haben.

Die Polizei kann nichtjeden beschützen

So darf es nicht weitergehen in Deutschland. Das mag klingen wie das Seufzen der "Gutmenschen" - jenen Leuten, denen per Definition dann wohl die Schlechtmenschen gegenüberstehen. Dabei kann es beiden nicht egal sein, wenn mit Straßenschlachten und Molotow-Cocktails "entschieden" wird, dass bestimmte Menschen - Fremde, Flüchtlinge, Angehörige von Minderheiten - bei uns nichts zu suchen hätten.

Die Polizei kann nicht jedes Flüchtlingsheim umstellen. Sie kann nicht jeden Bürgermeister, der für eine Willkommenskultur plädiert, rund um die Uhr beschützen. Und erst recht nicht die ehrenamtlichen Helfer, die sich für Flüchtlinge engagieren. Sie alle brauchen die Gewähr, die gesellschaftliche Übereinkunft, in Frieden gelassen zu werden, wenn sie sich für ein friedliches Miteinander einsetzen.

Wie in amerikanischen Südstaaten der 50er

Aber genau diesen Freiraum brauchen wir letztlich alle. Merken wir nicht, dass die Aggression gegen Flüchtlinge sich jederzeit auf andere "Unerwünschte" richten kann? Die Verurteilung von Gewalt gegen Asyl-Einrichtungen ist deshalb eben kein bloßer Selbstschutz-Reflex der Wohlmeinenden.

Manchmal hilft der Blick nach draußen, um die Verhältnisse drinnen besser zu verstehen. Was wir derzeit erleben, erinnert fatal an die rassistischen Umtriebe in den US-Südstaaten der 1950er/1960er Jahre oder noch früherer Dekaden. Bei uns tragen die Fremdenhasser noch keine spitzen Kapuzen mit Sehschlitzen und keine weißen Umhänge, noch scheinen sie keine straff organisierte Untergrund-Bewegung wie der Ku-Klux-Klan zu sein.

Ku-Klux-Klan-Logik in Heidenau

Doch auch wir sind schon so weit, dass Asylsuchende an ihrem vermeintlichen Zufluchtsort neuer Gefahr ausgesetzt sind - ein verstörender Gedanke und eine Lage, in die kein Mensch im Ernst geraten will. Aber genau das ist die Absicht, das ist die Scheußlichkeit einer Ku-Klux-Klan-Logik in Heidenau und anderswo: Über die Zugehörigkeit, das Erwünschtsein einer Gruppe, ja über die Bestimmung des Gemeinwohls wollen einige wenige entscheiden, im Finstern und mit Gewalt.

Die mit den Kapuzen wollen Macht über uns alle - und bekommen sie, wenn wir sie ihnen auch nur im Ansatz gewähren. Schon eine Form von Verständnis, wonach sich in den Anschlägen auf Flüchtlingsheime ein berechtigtes Unbehagen über falsche Prioritäten des Sozialstaats oder die Angst vor dem Zukurzkommen der Einheimischen artikuliert, ist - bildlich gesprochen - der Griff nach der Kapuze.

Bundespräsident und Kanzlerin haben am Mittwoch Zeichen gesetzt und Flüchtlinge besucht. Spät, ja, und in Angela Merkels Fall wohl auch begleitet vom Gefühl eines pflichtschuldigen Kalküls. Aber das ist es eben auch: Pflicht und Schuldigkeit der Repräsentanten unseres Staates, dem aggressiven Handeln der wenigen mit dem humanen Konsens der vielen zu begegnen. Im Symbol. Damit die Zivilisationsfeinde unter ihren eingebildeten Ku-Klux-Klan-Kapuzen nicht auch noch glauben können, sie handelten für uns, für Deutschland.