Berlin - Krieg gegen den Terror. Zweiter Versuch. Als Reaktion auf die Anschläge am 11. September 2001 in den USA sind die Nato-Verbündeten George W. Bush nach Afghanistan gefolgt. Die Attentate des 13. November 2015 in Paris führen François Hollande und seine europäischen Freunde Richtung Syrien. Der Gegner heißt nicht mehr Al-Kaida, sondern „Islamischer Staat“. Wirklich erfolgreich war der erste Kreuzzug nicht. Haben die Teilnehmer von Nr. zwei hinreichend Lehren daraus gezogen? Eher nicht.

Das fängt an mit dem reflexartigen Beginn. Die Regierung einer tief verwundeten Nation schreit nach Vergeltung. Und die Verbündeten sitzen in der Falle. Sie müssen Paris zu Willen sein, obwohl die afghanische Erfahrung zur Vorsicht hätte mahnen sollen. Denn dort wurde Osama bin Laden, der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, zwar irgendwann getötet. Doch der Terror ähnelt der Schlange Hydra in der griechischen Mythologie. Für jeden Kopf, der diesem vielhäuptigen Wesen abgeschlagen wurde, wuchsen zwei neue. Der Krieg gegen den Terror hat nicht nur die Zahl der Terroristen potenziert. Er hat auch ihre geografische Basis vergrößert. Einst sollte Al-Kaida die Heimstatt am Hindukusch entzogen werden. Heute bilden weite Teile Syriens, des Irak, Libyens, einige Länder Afrikas und immer noch Afghanistan den Rückzugsraum des „Islamischen Staates“ und ähnlicher Gruppierungen.

Wichtigster Gegner des IS ist Assad

Der Anti-Terror-Krieg entwickelte eine politische Dynamik zur Ausweitung seiner Ziele. So kamen „Schurkenstaaten“ ins Visier wie der Irak. Oder Libyen. Deren blutige Regime sind inzwischen hinweggefegt. In ihren Trümmern blüht nun das terroristische Chaos. Diese Erfahrung führt nun zu einer seltsamen Unentschiedenheit im Umgang mit Syrien. Hier hat der IS seine Basis. Hier müsste er geschlagen werden. Doch sein wichtigster Gegner vor Ort heißt Baschar al-Assad, ein Diktator nicht besser als Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi. Darf man mit ihm mindestens teilweise gemeinsame Sache machen? Die deutsche Regierung sagt ein entschiedenes Jein und setzt darauf, dass mindestens Teile seiner Armee in der Kooperation mit dem Westen eine Perspektive sehen könnten. Irgendwann.

Von Einigkeit der Anti-Terror-Krieger kann keine Rede sein. Man will den IS stoppen. Die USA und Frankreich bombardieren seine Stellungen. Aber die Türkei, ein wichtiger Nato-Partner, findet es aus innenpolitischen Erwägungen noch wichtiger, die Kurden zu bekämpfen, die wiederum Deutschland als Bodentruppen gegen die Terrormilizen aufrüstet. Auch Russland bekämpft den IS – um das Assad-Regime zu stabilisieren.

Über gemeinsame Kriegsziele wird noch verhandelt

Obendrein steht dem Westen eine zentrale Lehre aus dem Anti-Terror-Krieg Nr. eins im Weg: Einmischung am Boden bringt eigene Opfer, aber wenig Erfolg. Da übt sich die deutsche Verteidigungsministerin lieber im Schönreden der Wirklichkeit: „Wo alle Interesse am Erfolg haben, finden sich auch motivierte lokale Bodentruppen.“ Was der Erfolg, was die gemeinsamen Kriegsziele seien, darüber wird aber gerade erst verhandelt. Und gestritten. Ende? Ungewiss. Bei einer internationalen Runde in Wien wird gerade erst versucht, die unterschiedlichen Kräfte in Syrien zwischen Assad und IS unter einen Hut zu bringen.

In dieser unübersichtlichen Lage scheint es schlau, wenn die Bundesregierung gegenüber Frankreich ihrer Bündnispflicht genügt, bis zu 1200 Soldaten einbringt, sie aber vorsichtig zur See und in der Luft operieren lässt. Aber ist es auch klug? Denn das Muster ist bekannt. Auch in Afghanistan (und vorher auf dem Balkan) hat sich Deutschland nur in Mini-Schritten in die blutige Auseinandersetzung begeben – und war am Ende doch rechtzeitig dabei, um an den Misserfolgen teilhaben zu dürfen.