Kommentar zum Krieg gegen den Terror: Der fatale Glaube an den großen Befreiungsschlag

Die New York Times hat nach dem Gemetzel im kalifornischen San Bernardino ihre Leser gefragt: Wie oft, wenn überhaupt, denken Sie an die Möglichkeit einer solchen Schießerei in Ihrem Alltagsleben? Mehr als 5000 Leser antworteten innerhalb weniger Stunden. Eine 15-jährige Schülerin erklärte, in der Schule habe man untersucht, an welchen Plätzen man sich verstecken könne. In der Bibliothek habe man kaum eine Chance zu überleben, im Chemieraum schon eher. Eine 57-jährige Lehrerin fragt sich jedes Mal, wenn ein Schüler sie wegen seiner Noten zur Rede stellt, ob er das nächste Mal mit einer Schusswaffe in die Schule kommen wird. Noch glauben die USA, den Krieg gegen den Terror gewinnen zu können. Den gegen die Angst allerdings scheinen sie bereits verloren zu haben.

Kommentatoren des Blattes fragen sich, ob es überhaupt auf die Motive der Täter ankomme, ob es denn eine Rolle spiele, ob ein Anschlag verübt wird von islamistischen Terroristen, von durchgeknallten Waffenliebhabern, von Menschen, die sich an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert fühlen oder von solchen, die ihrem Frust am Weltenlauf um sich ballernd Ausdruck verleihen möchten. Vereinfachend gesagt lautet die Antwort auf die Frage nach der Rolle der Motive: Für die Fälle zwei bis vier ist die Polizei zuständig. Motiv Nummer eins dagegen ist Sache des Militärs.

Wenn das muslimische Ehepaar einen islamistischen Anschlag durchgeführt hat, dann ist das eine Etappe in dem langandauernden Krieg zwischen Terrorismus und Antiterrorismus. Ein Krieg, den die USA seit den Anschlägen vom 11. September 2001 führen. Es handelt sich dann um Importware. Die Bevölkerung in den USA, so die Argumentation der Terroristen, soll nicht sicherer leben als zum Beispiel die in Syrien oder im Irak. Die US-Presse stürzt sich auf Informationen über die in Pakistan geborene Ehefrau, die erst seit 2014 in den USA ist. Hat sie den Mann radikalisiert?

Terrorismus nicht die wirkliche Gefahr

Wer die Briefe der Leser der New York Times liest, der merkt, dass der Terrorismus nicht die wirkliche Gefahr für die USA ist. Viele der Leser sagen explizit, dass sie mehr Angst vor einem der Fälle drei bis vier haben als vor einem islamistischen Anschlag. Der Krieg gegen den Terror hat zur Brutalisierung der USA beigetragen. Eine Exekutive, die sich nicht vor zu lösende Probleme, sondern vor zu besiegende, zu vernichtende, Feinde gestellt sieht, missversteht die Lage prinzipiell. Wenn sie auch noch – in einer Demokratie unerlässlich – die Bevölkerung vom Krieg überzeugen muss, wird die Lage aussichtslos. Der Tunnelblick des Freund-Feind-Schemas regiert.

Die eigentliche Katastrophe der USA ist die Ausbreitung dieser Weltsicht. Das gilt für den in Illinois geborenen Attentäter von San Bernardino wie für den jungen Mann, der am 1. Oktober neun Menschen in seinem College in Oregon tötete. Er war – früher hätte man gesagt – gemütskrank. Er sah sich – wie viele andere Täter – von Feinden umzingelt. Wie sie träumte er lange, bevor er ihn tat, vom großen Befreiungsschlag. Der Krieg gegen den Terror ist nichts anderes. Ihn treibt die Vorstellung, man könne mit geballten Bombereinsätzen des islamischen Terrors Herr werden. Wir sind jetzt seit eineinhalb Jahrzehnten Zeugen des Scheiterns dieses Konzepts. Dennoch halten wir daran fest. Das Gleiche tun die Terroristen. Auch sie machen weiter, obwohl auch sie sich nicht durchsetzen konnten.

Bald wird sich herausstellen, ob die Täter von San Bernardino ihren riesigen Waffenvorrat gesammelt hatten, um eigenen psychischen Druck loszuwerden, oder ob sie es taten als Märtyrer in einem heiligen Krieg. Die Unsicherheit, in der wir uns, was die Motive angeht, derzeit befinden, bietet uns die Chance, über das „oder“ hinwegzusehen. Vielleicht ist es nicht so wichtig, ob jemand, der sich zu einem Killer umgebaut hat, auf die eine oder die andere Ideologie zurückgreift oder ob er gänzlich ideologiefrei losballert. Der norwegische Terrorist Anders Behring Breivik griff nicht zurück auf eine Heilige Schrift. Er schuf sich eine.

Sie alle sind Terroristen. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten. Sie wollen kaputt machen, was sie kaputt macht. Die offene Gesellschaft droht zerschreddert zu werden im Kampf der Kaputtmacher. Wir werden uns zivilisieren müssen, statt aufzurüsten. Zivilisieren gegenüber den ausgerasteten Einzelnen wie gegenüber dem organisierten Terrorismus wie auch gegenüber einem Antiterrorismus, der dem, wogegen er ankämpft, immer ähnlicher zu werden droht.