Schulsituation im Oberstufenzentrum Alt-Moabit in Berlin
Foto: imago/photothek

BerlinStellen wir uns für einen Moment vor, wie die deutsche Bildungslandschaft im Jahr 2040 aussieht. 90 Prozent eines Jahrgangs machen das Abitur. Das Handwerk sucht verzweifelt nach Auszubildenden und startet eine Werbekampagne auf deutschen Hochschulcampi. Die durchschnittliche Abiturnote liegt bei 1,06 – in Bayern bei 2,0, in den 15 anderen Bundesländern bei 1,0. Da auf dieser Basis ein rationales Zulassungsverfahren nicht möglich ist, werden alle Studienplätze verlost. Das Wort „Zentralabitur“ steht auf der schwarzen Liste der Bundesprüfstelle für respektlosen und unangemessenen Umgang mit der deutschen Sprache und darf öffentlich nicht mehr verwendet werden.

In einem Festakt erinnert Wissenschaftsminister Jan Böhmermann daran, dass vor zwanzig Jahren der „Länderstaatsvertrag für gute Bildung“ abgeschlossen wurde. Nur der Freistaat Bayern bleibt der Feier fern, weil er das Abitur der anderen 15 Bundesländer ohnehin nicht mehr anerkennt. Minister Böhmermann präsentiert eine 500 Seiten lange Publikation zum Thema „Vorläufige Annäherung an erste Vorüberlegungen zu einer Vorstudie zum Thema ‚nationale Bildungsstandards‘. Sie wird als Durchbruch auf dem Weg zu einer einheitlicheren Schulpolitik gefeiert.

Die Hochschulrektorenkonferenz stellt den Antrag, die Regelstudienzeit im Bachelor von sechs auf zehn Semester zu verlängern, weil man mehr Zeit für Brückenkurse benötigt, um den Studienanfängern die erforderlichen Basiskompetenzen zu vermitteln.

Satire? Übertreibung? Fast zwei Jahre lang redeten die Bundesregierung und die Länder über den Nationalen Bildungsrat, den zu schaffen die große Koalition angekündigt hatte. Er sollte durch eine Kombination aus wissenschaftlicher Expertise und politischer Verantwortung für mehr „Transparenz, Qualität und Vergleichbarkeit im Bildungswesen“ sorgen.

Länder taten sich von Beginn an schwer

Die Länder taten sich von Beginn an mit dieser Idee schwer. Sie pochten auf ihre dezentrale Zuständigkeit bei Schule und Hochschule. Mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung stritten sie seit eineinhalb Jahren um die Verteilung der Plätze in dem ungeliebten Gremium. Nachdem Bayerns Ministerpräsident Söder in der letzten Woche den Ausstieg aus dem Projekt verkündet hat, ist unwahrscheinlich, dass es überhaupt noch realisiert werden kann. An seiner Stelle setzen manche jetzt auf einen Staatsvertrag, der Ziele für eine länderübergreifende Bildungspolitik festschreiben soll.

Für die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrats gibt es gerade angesichts der Befunde der neuen Pisa-Studie gute Gründe. Seine Agenda darf nicht auf Themen wie das Zentralabitur verengt werden. Vier Felder müsste er bearbeiten: Schule, berufliche Bildung, Hochschule und Weiterbildung. Hier geht es um die Ermittlung künftiger Bedarfszahlen, die Übergänge zwischen einzelnen Bildungsbereichen, um Kompetenzprofile und Qualifizierungswege.

In einem Nationalen Rat würden Experten und Politiker miteinander an einem unserer wichtigsten Zukunftsthemen arbeiten. Die Kultusministerkonferenz wird dadurch nicht überflüssig, wohl aber in ihren zentralen Aufgaben unterstützt. Die jetzt im Raum stehende Lösung überzeugt kaum. Ein Staatsvertrag, der Ziele festschreibt, ohne Strukturen zu schaffen, die sie umsetzen, bleibt letzthin wirkungslos. Aber man muss zweifeln, ob die Länder zu einer gemeinsamen Initiative noch fähig sind.