Auch der Volksmund kann irren, aber in diesem Falle hat er Recht: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Es ist richtig, dass das Oberlandesgericht München (OLG) den NSU-Mordprozess um drei Wochen verschiebt und die Sitzplätze für Journalisten neu vergibt. Das wurde zwar vom Bundesverfassungsgericht nicht verlangt; nach seinem Beschluss, mit dem es in der vergangenen Woche die Akkreditierung gerügt hatte, hätte es durchaus genügt, mindestens drei Plätze auf andere, weniger aufwendige Weise an ausländische, insbesondere türkische Medien zu vergeben.

Und die Verschiebung bedeutet für etliche Nebenkläger und Hinterbliebene, die am Prozess teilnehmen wollten, eine Katastrophe. Sie alle hatten sich seelisch auf den Beginn des Verfahrens eingestellt und fühlen sich jetzt zurückgestoßen, viele hatten Urlaub genommen und fühlen sich jetzt vom Gericht kalt ausgesperrt. Dennoch ist die Verschiebung richtig – unter der Bedingung, dass das OLG aus seinem bisherigen Versagen die richtigen Konsequenzen zieht.

Das würde bedeuten, dass das Gericht im neuen Akkreditierungsverfahren die Interessen der türkischen und griechischen Medien angemessen berücksichtigt. Das würde bedeuten, dass es sich – wie beispielsweise von den ARD-Anstalten angeboten – mit Pool-Lösungen einverstanden erklärt, das heißt, nicht für ein halbes Dutzend Vertreter der ARD einen Platz reserviert, sondern nur für einen, der alle Anstalten bedient und damit Plätze schafft für Kollegen. Das würde auch bedeuten, dass der Vorsitzende Richter das auch durch seine Fehler belastete Verfahren nicht mit Schikanen der einen oder anderen Seite zusätzlich emotionalisiert.

Dazu zählt beispielsweise der Verzicht auf die von ihm angeordnete Durchsuchung der Verteidiger der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe vor jedem Prozesstag. Die Begründung, es könnten gefährliche Gegenstände eingeschmuggelt und die Anwälte ohne ihr Wissen als Helfer missbraucht werden, legt nahe, auch die Richter, die Bundesanwälte und Polizisten durchsuchen zu lassen oder auf die diskriminierende Maßnahme zu verzichten. Denn die Anwälte Zschäpes sind der ideologischen Nähe zur Angeklagten so sehr oder so wenig verdächtig wie die Richter, die Bundesanwälte und die Polizisten.

Aber das alles genügt nicht. Das Vertrauen in den Rechtsstaat ist bei vielen Migranten durch das Versagen der Behörden bei der Aufklärung der Mordserie des NSU erschüttert, und der Vorlauf des Prozesses hat kaum dazu beigetragen, ihr Vertrauen zu befestigen. Im Gegenteil, der Vorsitzende Richter Manfred Götzl wirkt bisher nicht so, als habe er Bedeutung und Dimension des Verfahrens nur annähernd begriffen.

Er erinnert damit an einen seinerzeit berühmten Vorgänger, Oberlandesgerichtsrat Wilhelm Mayer („Vergleichs-Mayer“), der sich in München in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts durch kluge, besonnene Verhandlungsführung besonderer Wertschätzung erfreute. Er scheiterte in seinem ersten und einzigen politischen Prozess. „Der leidtragende Teil in dieser Prozessverhandlung war die historische Wahrheit“, resümierte der Schriftsteller Erich Mühsam. Hundert Jahre später wäre das ein fatales Resümee.