Köln - Das Fußballstadion, das Restaurant, der Konzertsaal – alles Orte, an denen Menschen sich wohlfühlen, wo sie eine gute Zeit verbringen. Die Terroristen des IS, die sich in Paris genau diese Ziele ausgesucht haben, wollen nicht, dass es anderen gut geht. Ihr einziges Fest ist die Orgie von Gewalt und Tod.

Ist es nicht seltsam, dass es die Feinde der Menschlichkeit sind, die am besten um den Wert des Lebens wissen? Die Unmenschen haben ein sehr feines Gespür dafür, wo sie ansetzen müssen mit ihrem Zerstörungswerk, mit der Vernichtung all dessen, was uns Menschen lieb und teuer ist: Gemeinschaft, unbeschwertes Miteinander.

Wir können an den Schauplätzen des islamistischen Terrors gewissermaßen im Umkehrschluss erkennen, was es auf Biegen und Brechen zu verteidigen gilt: unsere Freiheit, die Vielfalt der Lebensstile, unsere Kunst und Kultur, unsere Geschichte und Tradition. Vielleicht sind sie uns manchmal so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr wahrnehmen, wie kostbar das alles ist. In Momenten wie denen am Freitagabend in Paris bekommen wir es auf grausame Weise vorgeführt. Da sollten uns die Fundamente unserer Gesellschaft unter den Füßen weggebombt werden, da wurden – stellvertretend für uns alle – Menschen niedergemetzelt, die auf diesem Fundament einfach nur gelebt haben. „Unschuldige Opfer“ – dieser abgegriffene Begriff bringt es in diesem Fall auf den Punkt.

Das Schlimmste, was jetzt passieren könnte, wäre es, sich die Logik der Terroristen zu eigen zu machen und freiwillig etwas von dem preiszugeben, was sie uns mit Gewalt nehmen wollen. Der Staat, Polizei und Justiz, sie müssen mit aller Härte gegen diese Verbrecher und ihre Unterstützer vorgehen. Es gilt der alte Satz: keine Toleranz für die Feinde der Toleranz.

Aber innerhalb dieses Rahmens müssen wir genauso aufpassen, dass wir nicht in eine Mentalität des Generalverdachts gegenüber allem Fremden – und gegenüber den Fremden – verfallen. Schon wird die Sorge laut, die Anschläge von Paris könnten die Auseinandersetzung über unseren Umgang mit Flüchtlingen noch weiter verschärfen; Skepsis und Vorbehalte gegen die von der Bundeskanzlerin wenige Stunden vor dem Attentat noch einmal bekräftigte Kultur des Willkommens auf der Basis der Menschenwürde und der Grundrechte – sie könnten weiter wachsen.

Gott hat auf dem Boden gelegen

Natürlich macht einem die Vorstellung Angst, dass in unseren Straßen lebende Zeitbomben herumrennen; dass hasserfüllte, schießwütige junge Männer in der nächsten Querstraße wohnen und jederzeit nach der Kalaschnikow greifen können, die sie im Kleiderschrank verstaut haben. Aber wir werden weder dieser Angst noch der realen Bedrohung durch Abschottung Herr werden. Wenn Frankreichs Staatschef Francois Hollande den Ausnahmezustand über das Land verhängt und die Grenzen schließen lässt, ist das zwar eine Demonstration der Entschlossenheit, aber doch auch eine hilflose Geste: Die tödliche Gefahr lauert längst in unserer Mitte. Wir können sie nicht abwehren, indem wir vermeintlich Sicherheitszäune errichten, angeblich trennscharfe Linien zwischen „uns hier drin“ und „denen da draußen“ ziehen oder indem wir aufeinander losgehen, sondern nur, indem wir zusammenhalten.

„Gott ist groß“, haben die Attentäter der IS-Terrorbande gerufen, bevor sie ihr Blutbad in Paris anrichteten. Der Gott aber, den sie da im Munde führten, ist in diesem Moment ganz klein geworden. Er hat auf dem Boden gelegen, zusammen mit den Toten und Verwundeten. Das Einzige, was am Freitag „groß geworden“ ist, waren die Machtfantasien und der Vernichtungswahn von Verbrechern, die sich selbst an die Stelle Gottes gesetzt und zu Herren über Leben und Tod gemacht haben. Mit Religion hat das insofern zu tun, als die Berufung auf Gott eine mindestens so starke Selbstüberhöhung darstellt wie die Behauptung, im Namen einer überlegenen Rasse oder Weltanschauung zu handeln.

Der „allmächtige Gott“ lässt sich verdammt leicht vor den Karren der Terroristen spannen. Doch nach allem, was die heiligen Schriften der Religionen und zum Glück auch die Praxis gläubiger Menschen in ihrer überwältigenden Mehrheit über Gott sagen, ist er keiner, der diesen Todeskarren zieht. Das besorgen die Terroristen schon ganz von allein. Wenn sie dem Wort Gottes, dem sie angeblich folgen, auch nur in Spurenelementen glauben, dann sollen sie wissen: Für das, was sie in Paris getan haben und in Syrien oder im Irak täglich anrichten, werden sie in der Hölle schmoren.