Berlin - Erstaunlich wirkt es erst einmal nicht, das Wort des Jahres. Flüchtlinge – kaum einen Begriff hat man in den letzten Monaten häufiger gehört. Schließlich haben 60 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlten, und in Deutschland sind so viele davon angekommen wie lange nicht mehr. Flüchtlinge ist auch der scheinbar lapidarste, der am wenigsten gedrechselte Begriff, sowohl auf der aktuellen Liste und in der Wort-des-Jahres-Geschichte.

Je suis Charlie, Grexit, Selektorenliste und Mogel-Motor standen in diesem Jahr mit zur Auswahl. In den vergangenen Jahren haben gewonnen: Lichtgrenze, GroKo, Rettungsroutine, Stresstest. Kunstbegriffe, Neu-Schöpfungen mit aktuellem Bezug waren und sind das allesamt, angesiedelt zwischen bitterem Ernst und ironischem Augenzwinkern.

Kein unproblematischer Begriff

Flüchtlinge dagegen ist ein altes Wort, es wird erstmals im 17. Jahrhundert erwähnt, die Wortwurzeln sind fast noch ein Jahrtausend älter. Das ungewöhnlich Gewöhnliche verleiht der Wahl eine besondere Wucht. Und dann verweist die Gesellschaft für deutsche Sprache, die die Auszeichnung verleiht, auch noch darauf, dass es sich um einen nicht unproblematischen Begriff handele.

Flüchtlinge – das klinge, wegen der Nähe zu negativ besetzten Worten wie Eindringling, Emporkömmling und Schreiberling, tendenziell abschätzig. Geflüchteter, ist der neutralere, wenn auch erst einmal sperriger anmutende Begriff.

Das Wort des Jahres ist also zwar ein altbekanntes, die Auszeichnung aber regt zu neuem Nachdenken an, nicht nur über das Zeitgeschehen, sondern auch über eingeschliffene Gewohnheiten. In die Rangliste der Wörter des Jahres hat das Wort Flüchtling übrigens schon einmal Aufnahme gefunden: 1989, im Jahr des Mauerfalls, landete es als „Flüchtlingsstrom“ auf Platz 5. Ganz oben auf der Liste stand damals: Reisefreiheit.