Noch 35 Jahre. Dann werden wir alle alt sein. Warum? Ganz einfach: Weil die Mehrzahl der Menschen, die im Jahr 2050 in Deutschland leben werden, heute bereits geboren ist. Wir – und damit ist die deutsche Bevölkerung gemeint - werden aber nicht nur alt sein, auch unser Alltagsleben wird sich verändert haben.

Nicht nur das „Wie“ – selbstverständlich werden wir in von Computern gesteuerten Autos durch die Gegend fahren, und unsere Wohnzimmer werden von selbst dafür sorgen, dass wir es immer schön warm haben. Auch das „Wo“ wird in den nächsten Jahren eine neue Dimension erfahren. Viele Regionen werden sich noch weiter entvölkern, die Zivilisation wird sich auf Kerngebiete – die Städte und ihr Umland – zurückziehen. Das klingt wie eine plakative Drohung, doch genau so „könnte“ es kommen. Der Konjunktiv spielt hier eine entscheidende Rolle. Denn wenn es um die Zukunft geht, reden Statistiker von Szenarien oder Prognosen. Sie berechnen die Zukunft auf Basis dessen, was schon heute ist. Sie verlängern die Gegenwart. Es muss nicht so kommen, aber es spricht einiges dafür. Die Gesellschaft altert und sie bewegt sich. Das sind Fakten. Und sie werden das Gesicht der Bundesrepublik verändern. Die Städte boomen und das Land verödet. Es wird – nicht nur in Deutschland – Gewinner- und Verliererzonen geben.

Deutschland altert

Dazu ein paar Zahlen: 2050 wird rund jeder dritte Deutsche älter als 64 Jahre sein, jeder achte über 80. Bereits in 15 Jahren wird sich die Zahl der 80-Jährigen um rund 60 Prozent gesteigert haben. Deutschland altert, weil die Lebenserwartung steigt und immer weniger Kinder geboren werden. Mal abgesehen von den Folgen für das Rentensystem, klingt das nicht unbedingt beunruhigend. Wer zur Ü60-Generation gehört, ist nicht zwangsläufig einer zunehmenden Demenz ausgesetzt. Die fitten Alten werden das Land stärker als je zuvor prägen. Doch spielt hier noch ein ganz anderer Prozess hinein: die zunehmende Landflucht.

Die Deutschen zieht es in die Städte. Zwischen 2003 und 2008 büßten zwei Drittel aller ländlichen Gemeinden Deutschlands mehr als ein Prozent ihrer Bevölkerung ein. Allein von 2012 auf 2013 verloren die ländlichen Regionen knapp 20.000 Einwohner, während die Städte mehr als 260.000 neue Bürger hinzugewinnen konnten.

Wer mobil ist, zieht vom Land in Metropolen wie München, Frankfurt, Berlin oder Hamburg – für die Familie, die Ausbildung oder den Job. Kehrten bis zur Jahrtausendwende viele Personen im mittleren Alter den Innenstädten den Rücken um im Umland ihre Kinder großzuziehen, hat sich dieser Trend längst umgekehrt. Zurück bleiben die Älteren – und die, die zu arm sind, um die stetig steigenden Mietkosten in den Städten zu zahlen. Das zeigt: Alterung und Landflucht erhalten als parallel verlaufende Prozesse nicht nur eine neue Stärke, mit der sie die Ordnung des Raums ordentlich durcheinander bringen. Sie führen auch zu einer Verschärfung der sozialen Disparität.

Lebenswerte Großstädte

Die Menschen gehen aus freien Stücken in die Zentren, sie alle haben ihre Gründe. Das Leben in deutschen Großstädten ist lebenswerter geworden. Die Demeter-Eier im Kühlschrank kommen vom Hofladen im Szeneviertel. Zur „Entschleunigung“ geht’s ins Yoga-Loft. Wer es sich leisten kann, legt sich gar einen Zweitwohnsitz im Grünen an.

Anders sieht es auf dem Land aus – vor allem dort, wo der Schrumpfungsprozess längst eingesetzt hat. Das Leben derer, die sich bewusst dafür entscheiden, auf dem Dorf zu bleiben, oder eben keine andere Wahl haben, wird schwerer. Die Bahn fährt nicht im Zehnminutentakt. Weil es an Geld fehlt, schließen Verwaltungen, Schulen, Krankenhäuser, Banken und Geschäfte. Der Weg zum nächsten Facharzt kann – sollte man auf den ÖPNV angewiesen sein – einer Expedition gleichen. Von „Gleichwertigen Lebensverhältnissen“, wie sie im Grundgesetz verankert sind, kann keine Rede sein.

Hinzu kommt, dass kreative Ideen zur Beendigung der Landflucht oft an bürokratischen Hürden scheitern. Deutschland ist und bleibt ein Land der Gesetze und Verordnungen. Aber nur wenn das Leben auf dem Land einfacher wird, kann es wieder attraktiv werden. Um dem demographischen Wandel zu begegnen und der sozialen Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, die sich durch die Landflucht auch räumlich stärker manifestieren wird, muss Deutschland flexibler werden. Das gilt nicht nur für die Bürokratie, auch für die Integrationspolitik.

Deutschland wächst – in kleinen Schritten. Aber nicht, weil wir plötzlich wieder mehr Kinder kriegen, sondern weil die Menschen zuwandern. Sie sind unsere Chance. Lieber bunt und wild als grau und einsam.