Es ist ein Zufall, natürlich. Aber genau an diesem Donnerstag vor 20 Jahren, am 27. September 1998, veränderte sich das Land grundlegend. Helmut Kohl hatte viel zu lange regiert, hatte die Probleme der deutschen Einheit, die sozialen und die wirtschaftlichen, zu lange verschleppt. Seine CDU hatte kein Gespür mehr für das, was die Menschen im Land bewegte. Und der Kanzler sah nicht, dass sie auf verblühende Landschaften blickten, nicht auf blühende, die er ihnen versprochen hatte. Kohl hielt sich viel zu lange an der Macht fest. Er war müde, und die Deutschen waren es müde mit ihm.

Am 27. September 1998 wurde Kohl dann die Macht entrissen. Die Leute wählten ihn ab. Damals waren es Gerhard Schröder und Joschka Fischer, die eine neue Regierung bildeten, eine rot-grüne Regierung, welche die Müdigkeit überwinden und das Land erneuern wollte. Damals war es so, dass Sozialdemokraten und Grüne auch von Menschen gewählt wurden, die gar nicht so sehr mit deren Linie sympathisierten. Damals wollten viele etwas Neues, weil das Alte sich überlebt hatte. Heute geht das vielen nicht anders.

Kanzlerin in Not

Heute ist es klar, dass Angela Merkel sich schon zu lange an der Macht festhält. Und heute ist es auch klar, dass sie immer häufiger kein Gespür mehr für das hat, was die Menschen im Land bewegt. Anders ist es nicht zu erklären, wie der Fall Maaßen in der vergangenen Woche behandelt wurde. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass sich ihre eigene Bundestagsfraktion nicht mehr bedingungslos hinter die Kanzlerin stellt, nicht mehr einfach funktioniert. Die Abgeordneten leben nicht nur in einem Radius zwischen Reichstag und Kanzleramt. Sie leben auch in ihren Wahlkreisen, und sie wissen längst, dass sie sich ihrer Wahlkreise nicht mehr sicher sein können. Weil die Menschen etwas Neues wollen.

Hier wiederholt sich etwas; und hier wird es gleichzeitig völlig anders.

Vor zwanzig Jahren machte sich dieses Land auf, freier, bunter, moderner und vielfältiger zu werden. Heute ist das Neue, das sich viele wünschen, oder das zumindest viele Menschen bereit sind, zu wählen, doch viel rückwärtsgewandter: Es ist nicht frei und bunt modern, sondern eher autoritär und konservativ. Die AfD überholt die Sozialdemokraten in den Umfragewerten, und seien wir doch ehrlich, es gibt viele, die sich plötzlich wundern, dass in ihrem Bekanntenkreis Menschen sagen, dass die AfD ja durchaus wählbar sei – weil die Regierung so vieles falsch mache.Weil sie sich nicht um die Rente, die Miete, die Kinder kümmere.

Die AfD gegen Merkel

So wie einst Menschen Rot-Grün gegen Kohl wählten, stimmen heute viele der AfD gegen Merkel zu, auch wenn sie selbst keine Rechtspopulisten sind. Das ist Demokratie, dagegen ist nichts zu sagen. Die Regierung Merkel hat große Fehler im Management der Flüchtlingspolitik gemacht und war in den vergangenen Monaten wie besessen mit sich selbst beschäftigt. So wie so viele politische Beobachter in diesen Tagen mit der Frage beschäftigt sind, wie lange Merkel wohl noch durchhält.

Aber geht es darum? Nein. Es geht tatsächlich um die Rente, die Miete und die Kinder, um Bildung. Es geht nicht um Maaßen, nicht um Seehofer, nicht um die Führung der CDU/CSU-Fraktion. Es geht auch nicht um: Grenzen zu und alles wird gut. Mit der Feier der Vergangenheit lässt sich keine Zukunft gestalten, mit neuen Mauern auch nicht. In einem Land, in dem Menschen Angst haben müssen, gejagt oder gehasst zu werden, gedeiht keine Zukunft. In einem Land, in dem auf komplizierte Fragen nur noch einfache Antworten gegeben werden, erst recht nicht.

Alternative für Deutschland

Ja, dieses Land muss neu regiert werden. Aber von Menschen, die schon einmal gelernt haben, was es heißt, eine vielfältige Gemeinschaft zusammenzuhalten, in einem Bundesland, einer Stadt oder einem Bezirk. Die sich um Rente, Miete und Bildung konkret gekümmert haben.

Solche Menschen sind eine Alternative für Deutschland, sie heißen zum Beispiel Franziska Giffey, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Winfried Kretschmann. Sie heißen nicht: Alexander Gauland, Alice Weidel oder Björn Höcke. Die großen Vereinfacher sind keine Alternative, auch jetzt nicht. Und sie sind erst recht keine Zukunft.