Der Grüne Volker Beck wurde am Freitag bei Twitter deutlich, sehr deutlich. „Wer meint, Grüne auf Öko verkürzen zu können, arbeitet als Bestattungsunternehmer“, schrieb der scheidende Bundestagsabgeordnete.

Es mangelt an Debatten um aktuelle Themen

Die derart aufgeworfene Existenzfrage war offenkundig auf Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gemünzt, der gesagt hatte, man dürfe sich „nicht immer an Themen abarbeiten, bei denen wir nichts gewinnen können – wie etwa die Ausweitung der sicheren Herkunftsländer auf die Maghreb-Staaten“.

Vorschläge und Debatten müssten zu den aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft passen. „Daran mangelt es etwas.“ Auch hatte der Regierungschef die Grünen in Nordrhein-Westfalen kritisiert. „Wir haben dort einen eher vom linken Flügel dominierten Landesverband. Da gibt es immer einen gesinnungsethischen, einen idealistischen Überschuss. Das kann leicht nach hinten losgehen.“

Zwar wurde Kretschmann sofort vom grünen Vorsitzenden Cem Özdemir zurück gepfiffen, der sich Einwürfe von der Seitenlinie verbat; dabei passt zwischen beide eigentlich kein Blatt Papier. Da war das Kind aber schon in den Brunnen gefallen. Im Übrigen erweckt Kretschmann derzeit einen falschen Eindruck. Das Problem der Grünen ist nicht ein linker Gesinnungsüberschuss, sondern längst eher das Gegenteil. Und gegen aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft zu stehen, das ist Teil ihres Gründungsmythos.

Der grüne Zug ins Zentrum drückt sich in den Themen aus. Zwar versuchen die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Özdemir gerade, grüne Positionen etwas zuzuspitzen.

Die Kernthemen sind zu weich formuliert

Zum Kern gehören: der Klimaschutz, die offene Gesellschaft, die Ehe für alle. Freilich ist das alles oft so weich formuliert, dass niemand sich wirklich daran stoßen kann. Özdemir konzentriert sich auf die erhoffte Wende der Automobilindustrie von Verbrennungsmotoren zur Elektromobilität – und das mit dem vornehmlich wirtschaftspolitischen Argument, einen Niedergang wie den der amerikanischen Autoindustrie wolle er nicht erleben.

Auch stärkt die Partei unter dem herrschenden Druck das Thema innere Sicherheit, Forderungen wie nach Einführung der Vermögenssteuer oder nach Aussetzung der Hartz IV-Sanktionen kommen bisher hingegen nicht vor – wenngleich beides auf dem Parteitag von Münster beschlossen wurde.

Und während die Grünen in der Flüchtlingsfrage zunehmend leiser werden, gilt als ausgemacht, dass die versuchte Inklusion Behinderter in die nordrhein-westfälischen Schulen ein wesentlicher Grund für die Wahlniederlage war. Wer sich allzu sehr für Minderheiten einsetzt, so scheint es, verliert. Ohnehin gibt es längst eine sehr beflissene Angst, mit irgendeinem Thema – egal welchem – irgendeinen Anstoß zu erregen. Das ist Spätfolge der Veggie Day-Debatte von 2013. Die Grünen sind sich ihrer selbst nicht mehr sicher.