Wer wissen will, wie es derzeit um Europa steht, dem sei eine kleine Szene geschildert. Unlängst kam eine Nachfrage aus einer Redaktion: „Warum müssen wir dazu mit einem Parlamentarier aus Polen reden?“. Die Antwort war kurz: „Wir reden ja auch mit CSU-Abgeordneten, obwohl sie außerhalb Bayerns nicht zur Wahl stehen.“ Diese Replik war leider falsch. Die richtige Antwort hätte lauten müssen: Weil es zu einer gesamteuropäischen Debatte gehört, zum Konflikt in der Ukraine eine Meinung aus dem Osten Europas zu hören, zumal der polnische Abgeordnete Jacek Saryusz-Wolski eine gewichtige Stimme im Europaparlament ist.

Vergebliche Mühe. Europa hätte sich viel zu sagen, aber Europa ist sich fremd geworden. Auch deshalb ist es in einer tiefen Krise. In Großbritannien steht ein Referendum über die britische Zukunft in der EU an, in Griechenland droht die Staatspleite und der unfreiwillige Abschied aus dem Euro. Das Projekt Europa erscheint erstmals umkehrbar.

Rückschläge hat es stets gegeben. Der Aufbau einer europäischen Armee scheiterte 1954 im französischen Parlament, in den 60er-Jahren blieb Frankreich EU-Sitzungen fern und blockierte so Beschlüsse, 1992 scheiterte der Maastricht-Vertrag in Dänemark am Wählerwillen, die gemeinsame EU-Verfassung fiel vor zehn Jahren in Holland und Frankreich durch, und Irlands Wähler brauchten gleich zwei Referenden, um den Lissabon-Vertrag liebzugewinnen. Die Geschichte der EU liest sich wie eine einzige Abfolge von Krisen. Bislang hat sie Europa stets gemeistert. Aber dieses Mal ist es anders. Europa erlebt das Ende der Unschuldstage, das europäische Projekt droht ernsthaft zu scheitern.

Kein Interesse an der EU

Brexit, Grexit – war’s das? Die meisten Menschen in Europa sehen diese Frage überraschend gelassen. Doch Europa sollte diese emotionslose Haltung zu denken geben. Die EU war als Friedens- und Wohlstandsprojekt ein Zukunftsversprechen, jetzt ist es die wirre Brüsseler Regulierungsmaschine.

Die Idee Europa als überstaatliches Projekt war revolutionär. Sie fand leichter Eingang im romanisch-katholischen Raum, wo der föderale Reichsgedanke durch die Organisation der römischen Kirche nicht gänzlich fremd war; ein Europa als übernationales zivilreligiöses Heilsversprechen. Es ist wohl kein Zufall, dass die Gründer Europas Adenauer, De Gasperi, de Gaulle, aber auch ihre Nachfolger Kohl und Mitterrand Katholiken waren.

Vielleicht fällt es dem Katholiken Juncker mit dem Wissen um lässliche Sünden auch leichter mit Etatfrevlern wie Frankreich milde umzugehen. Und vielleicht brauchte die Pastorentochter Angela Merkel daher bis zur Ukraine-Krise, um Empathie für das Projekt Europa zu entwickeln.

Für Protestanten galten die staatskirchliche Enge der Einheit von Thron und Altar und die merkantilistische Idee der Hanse. Europa als rechtsbasierter Handelsverbund. Es war daher schön zu sehen, wie der protestantische Prediger Joachim Gauck bei der Verleihung des Karlspreises in Aachen, mit dieser überstaatlichen EU fremdelte und sich mühte, die Nation in Europa zu verorten. Es war noch schöner, dass die spannendste Rede des Tages eine Sicht von außen war: Jordaniens König Abdullah pries die EU. Es ist wie bei einer erkalteten Liebe. Wenn sich alles zu schnell dreht, sieht der Betroffene nur verzerrt, dann ist die Außenperspektive oft besser.

Europa braucht London

Die Binnensicht auf Europa ist die: Cameron will weniger Brüssel, Griechenland mehr Geld. In der derzeitigen Stimmungslage hat es Cameron einfacher. Für weniger Brüssel sind alle, Geld für andere gibt niemand gern. Die Argumentation ist verzerrt. Europa braucht London, als Fürsprecher für den freien Markt und für seine außenpolitisches Gewicht.

Dabei werden leicht zwei Dinge übersehen. Erstens wird Großbritannien außenpolitisch leichter, in der Ukraine-Krise war es nie zu sehen, in Syrien blockierte das Unterhaus mögliche Luftangriffe. Zweitens: Was spricht in diesem rein zweckrationalen Nutzenkalkül noch für Griechenland? Die Akropolis wohl nicht, höchstens seine geopolitische Lage und die neue Furcht vor Russland.

Europa muss sich jetzt rechnen. Aber Europa war stets mehr als ein zweckrationaler Verband. Deshalb geht es bei den Gesprächen um Brexit und Grexit um mehr: Es geht um die Frage, was dieses Europa eigentlich sein soll? Hanse oder auch ideelle Gemeinschaft, Handelsraum oder auch Solidarverbund, bloßer Binnenmarkt mit loser parlamentarischer Versammlung oder Wertegemeinschaft? Zu Europa gehören beide Prinzipien, darin liegt sein Reiz. Nun scheint der Markt sich auch hier durchzusetzen. Der Zerfall von Imperien beginnt übrigens an ihren Rändern. Es wäre schade um Europa.