Berlin - Wer das Spannungsfeld zwischen Wollen und Können in der deutschen Flüchtlingspolitik ausloten will, der muss das Berliner Regierungsviertel verlassen. Zwischen Hauptbahnhof und Gendarmenmarkt scheint das Leben seinen gewohnten Gang zu gehen. Draußen im Land ist das anders. Viele Städte und Gemeinden operieren längst im Krisenmodus. Sie versuchen verzweifelt, Betten zu organisieren und belegen Sporthallen, Verwaltungsgebäude oder Baumärkte mit den Neuankömmlingen. Die Helfer arbeiten bis zur Erschöpfung – und haben trotzdem immer öfter das Gefühl, der Lage kaum noch Herr zu werden.

Die Probleme stapeln sich übereinander

Man muss nur nach Dortmund schauen, einer Ruhrgebietsstadt mit hoher Arbeitslosigkeit und vielen Rumänen und Bulgaren, die hier ohne echte Perspektive leben. Nun kommt wöchentlich eine dreistellige Zahl von Flüchtlingen hinzu. Eine Jugend-Begegnungsstätte im sozialen Brennpunkt musste geschlossen werden, um dort Asylbewerber unterzubringen. „Die Probleme stapeln sich übereinander. Das birgt Sprengpotenzial“, sagt die Kämmerin.

Im niedersächsischen Loy wurde die Ausbildungsakademie der Landes-Feuerwehr in eine Notunterkunft umgewandelt. Die Ehrenamtlichen, die sich Tag und Nacht für Flüchtlinge einsetzen, sind verärgert und demotiviert. Vom bayerischen Freilassing fahren wegen der chaotischen Situation an der Grenze seit gut einer Woche keine Züge mehr ins benachbarte Salzburg. Die Pendler stehen stundenlang im Stau, den Einzelhändlern brechen die Umsätze ein.

Schaffen wir das?

Beispiele wie diese gibt es viele. Manche deutsche Kommune muss inzwischen annähernd so viele Syrien-Flüchtlinge beherbergen wie die gesamten USA. Das ließe sich in einem befristeten Ausnahmezustand bewältigen. Aber täglich kommen bis zu 10 000 neue Migranten ins Land. Schaffen wir das? Man findet kaum einen Bürgermeister oder Landrat, der den grenzenlosen Optimismus der Kanzlerin teilt.

Auch in der Bevölkerung wachsen Ängste und Sorgen. Beunruhigender als die hohe Zahl der Migranten selbst wirkt die offensichtliche Hilflosigkeit der Politik im Umgang mit dem Phänomen. Erst wurde es verdrängt, dann als Septembermärchen verklärt, nun hangelt man sich von Tag zu Tag. Die Grenzkontrollen sind praktisch wirkungslos verpufft. Auch das Gesetzespaket, über das der Bundestag am Donnerstag berät, kuriert bestenfalls Symptome. Massiv zurückgehen wird der Andrang nur, wenn seine Ursachen beseitigt sind. Aber realistisch kann niemand erwarten, dass der Bürgerkrieg in Syrien, der Vormarsch der Taliban in Afghanistan oder der Terror des IS in wenigen Wochen zu stoppen sind.

So werden weiter Schutzsuchende ins Land kommen. Die offizielle Zahl von 800 000 für 2015 ist längst Makulatur, nachdem alleine im September mehr als 200 000 Menschen kamen. Nichts spricht dafür, dass der Jahreswechsel an der Entwicklung irgendetwas ändert. Also könnten es mit Familiennachzug bald zwei oder drei Millionen sein. Was dann? Darüber müssten die Verantwortlichen intensiv nachdenken und ohne Tabus debattieren. „Zur deutschen Verantwortung gehört, dass wir uns von der moralischen Selbstüberschätzung verabschieden, die vor allem sich besonders fortschrittlich dünkende Deutsche aller Welt vor Augen geführt haben“, hat vor wenigen Tagen der Historiker Heinrich-August Winkler gemahnt: „Den Gegensatz zwischen edlem Wollen und beschränktem Können aufzuheben wird auch uns nicht gelingen.“

Schulterzucken bei den Abgeordneten

Aber die Regierung will nicht über die Grenzen der Belastbarkeit reden. Er halte nichts von „theoretischen Diskussionen“, wehrt Kanzleramtschef Altmaier ab. Kein Wunder: Schließlich hat Angela Merkel persönlich versichert, das Asylrecht kenne keine Obergrenze. Für die SPD ist die Sache noch heikler. Deswegen verspüren die Genossen wenig Neigung, ihrerseits feste Asyl-Kontingente ins Gespräch zu bringen. Wer unter vier Augen mit schwarz-roten Politikern redet, der gewinnt vor allem einen Eindruck – den der Ratlosigkeit. Was passiert, wenn nächstes Jahr weiter täglich mehrere Tausend zuwandern? „Ich weiß es nicht“, zucken Abgeordnete reihenweise mit den Schultern, und selbst Regierungsmitglieder gestehen, ihnen fehle die Vorstellungskraft.

Weder mit idealistischer Verdrängung noch mit markigen Wirtshaussprüchen aus Bayern aber wird sich die moderne Völkerwanderung meistern lassen. Die Politik darf sich nicht länger von Stimmungen treiben lassen. Sie muss führen und das Unangenehme aussprechen: Das Septembermärchen ist vorbei. Deutschland nähert sich den Grenzen seiner Möglichkeiten.