Berlin - Es hat eine Zeit gegeben, da wurden alte Männer spätestens ab ihrem 70. Lebensjahr als Greis angesprochen, unverheiratete Frauen jeglichen Alters als „Fräulein“, Juden als „Itzig“, Homosexuelle als „Schwuchtel“, Schwarze als „Neger“ oder „Nigger“, körperlich Behinderte als „Krüppel“, seelisch Behinderte als „Spasti“ und nichteheliche Kinder als „Bastard“ oder „Banker“.

Die Zeit ist so lange her, dass junge Deutsche davon vermutlich nie gehört und sehr alte Menschen wie Alexander Gauland (75), der stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD, es vermutlich schon vergessen haben.

In jener Zeit wurden Sinti und Roma in Deutschland „Zigeuner“ genannt, beispielsweise im Bericht eines Gendarmeriepostens vom März 1943: „ Zufolge Auftrags des Landratsamtes Mosbach vom 22. März 1943 habe ich zusammen mit vier Gendarmen der Reserve 53 Zigeunermischlinge mit Sondertransport von Mosbach nach Auschwitz transportiert und dort in das Konzentrationslager eingeliefert.“ Für die Nationalsozialisten gab es weder Sinti noch Roma, sondern ausschließlich Zigeuner, die als Rasse vernichtet werden sollten. Deshalb bestehen die überlebenden Sinti und Roma und deren Nachfahren heute darauf, nicht als Zigeuner bezeichnet zu werden. Denn sie assoziieren damit Diskriminierung und Vernichtung, weshalb sie auch gegen die Bezeichnung eines vormaligen Lieblingsgerichts der Deutschen als „Zigeunerschnitzel“ protestieren.

Der Preis der Rehabilitierung

Den historischen Zusammenhang scheint Alexander Gauland vergessen zu haben, jedenfalls verlangt er die Rehabilitierung des Zigeunerschnitzels im alltäglichen Sprachgebrauch, so wie auch die Bundesparteivorsitzende, Frauke Petry, den aus der NS-Zeit stammenden Begriff „völkisch“ unbedingt wieder positiv besetzen will. Ein interessanter Gedanke, der allerdings nur um den Preis zu realisieren ist, dass Juden in Deutschland künftig wieder „Itzik“, Ausländer „Kanaken“ und alte Menschen wie Gauland „Greise“ gerufen werden.

Spätestens dann gäbe es für die Briten keinen Grund mehr, die Deutschen nicht wieder – wie einst zur Zeit der Vernichtung der Sinti und Roma- als „Huns“ (Hunnen) oder „Krauts“ (Sauerkraut) zu verhöhnen. Auch der „Piefke“ wäre wieder zeitgemäß, ein Schmähwort, mit dem Österreicher vormals Deutsche zu bedenken pflegten. Das ist wohl das, was Gauland unter der guten alten Zeit versteht.