Zu den zuletzt häufig verwendeten Redewendungen gehört die salopp geäußerte Feststellung einer Überforderung. Wenn eine Dienstleistung im Alltag nicht so recht klappen will, unterstellt man sie dem handelnden Personal. Der falsche Mann oder die falsche Frau am richtigen Platz, und alles läuft schief. Das Ungeschick der Bedienung im Restaurant, der Handwerker, der nicht pünktlich liefert, der unbeherrschte Reaktion eines zufälligen Gegenübers: Wir kennzeichnen all das als Ausdruck einer situativen Überforderung und versuchen sogleich, sie uns durch die bloße Benennung vom Hals zu schaffen.

Mehr als eine plausible Erklärung stellt der Vorwurf der Überforderung eine Distanzierung dar. Wo andere überfordert sind, sind wir es nicht gewesen. Die Häufigkeit, mit der die Überforderungen von jenen und anderen benannt werden, lässt vermuten, dass es den Diagnostikern der Überforderung nicht zuletzt auch auf die Bestätigung der eigenen Überlegenheit ankommt. Wer andere als überfordert erachtet, wähnt sich in dem sicheren Gefühl, selbst alles im Griff zu haben.

Dabei war zuletzt kaum etwas so bestimmend wie die wiederholt gemachte Erfahrung des Kontrollverlustes. Die sozialen Verheerungen der Anschläge von Paris sind inzwischen in unseren Alltag eingesickert. Terrorwarnungen wie zu Silvester in München sind von nun an Bestandteil unserer fragilen Normalität.

Vorzeichen einer unbehaglichen Panikkultur?

Es ist kaum mehr zu unterscheiden, ob der alerte Umgang mit Gefahrenlagen Ausdruck neuer Sicherheitsroutinen ist oder doch nur Vorzeichen einer unbehaglichen Panikkultur. Angesichts der allgemeinen Verunsicherung erscheint es geradezu verständlich, aber auch hilflos, dass die Touristenströme eine Zeit lang jene Orte meiden, an denen die Katastrophe geschah – und später doch wieder dorthin zurückkehren. Unser Bewusstsein ist eben auch damit überfordert, gleichzeitig gegenüber allen Gefahren wachsam zu sein.

Eine beachtliche Karriere hat die Formel von der Überforderung zuletzt vor allem auch in der politischen Diskussion gemacht. Ein Gespräch über Flüchtlinge war ohne sie kaum zu denken. Die Zuwanderungskrise hat die Verwaltungsroutinen verunsichert, das Zusammenspiel von Bund, Ländern und Gemeinden hat sich dabei als nur bedingt sattelfest erwiesen.

Die Gesellschaft, die viel auf sich hält, gefestigt aus der Kriegskatastrophe hervorgegangen zu sein, zweifelt und verzweifelt an seinen Fähigkeiten zum Krisenmanagement. Verwaltungsversagen kreuzt sich dabei auf ungute Weise mit den Versuchen, die bevorstehenden Herausforderungen allein mit administrativen Anordnungen bewältigen zu wollen. Genau das aber legen die besserwisserischen Interventionen Horst Seehofers (CSU) nahe, die eine Politik des Durchgreifens suggerieren anstatt praktische Handreichungen anzuleiten.

Schwäche ist keine Resignation

Dabei waren es Bürgermeister und Landräte, die oft die Vokabel von der Überforderung benutzt haben, um ihre verwaltungspolitische und organisatorische Schwäche einzugestehen. Und die freiwilligen Helfer haben mit dem Hinweis auf ihre Selbstüberforderung kenntlich gemacht, dass ihre Aktivitäten kaum auf Dauer gestellt werden können.

Ein Eingeständnis der Schwäche ist allerdings nicht mit Resignation zu verwechseln. Gerade jetzt käme es darauf an, die vollständige Bedeutung der Schwächebekundungen zu erfassen und sie im Kontext einer Kultur der Gelassenheit zu betrachten. Im politischen Tagesgeschäft gehören die Ablehnung und Durchsetzung von Forderungen ebenso dazu wie die Annahme von Herausforderungen und die Förderung noch wenig beachteter Ansätze und Ideen.

Das Gefühl, überfordert zu sein, bringt ja nicht nur das Schwinden der Kräfte zum Ausdruck, sondern schafft auch Platz für Neues und Anderes. Wo Überforderungen benannt werden, bricht nicht gleich alles in sich zusammen, sondern es trägt womöglich auch dazu bei, in einen anderen Modus der Wahrnehmung zu wechseln.

Zum gesellschaftlichen Gelingen gehört auch die Begabung, nicht allein auf das Gelingen fixiert zu sein. Mitunter braucht es Risikolust und die Bereitschaft, Fehler zu erkennen und sie zu bearbeiten. Ein begnadeter Künstler des Sozialen wie der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief war da etwas weiter. Kontrollverlust und Überforderung waren für ihn nichts Bedrohliches, sondern schärften nur seinen Blick. Wenn Du den Überblick noch hast, so wusste Schlingensief, fährst Du einfach noch nicht schnell genug. Vielleicht gilt es, in diesem Sinne Fahrt für das gerade erst begonnene Jahr aufzunehmen.