Kommentar zur Kirchendoktrin: Königswinter sagt „So nicht!“ zur Kirche

Es wird eng auf der Hallig. Als Insel in der gesellschaftlichen Brandung verteidigt die katholische Kirche ihr Arbeitsrecht. Es erlaubt, Mitarbeitern zu kündigen, die in ihrer Lebensführung von Lehre und Moral der Kirche abweichen. Häufigster Fall: eine zweite Ehe oder feste Beziehung nach vorangegangener Trennung. Die Kirche sieht dadurch das von Jesus selbst aufgestellte „göttliche Gebot“ der lebenslangen ehelichen Gemeinschaft verletzt – und schließt notorische „Ehebrecher“ aus ihrer Gemeinschaft aus. Sie dürfen zum Beispiel nicht die Kommunion empfangen oder Funktionen im Gottesdienst übernehmen.

Solche Regeln könnte die säkulare Gesellschaft auf sich beruhen – und es einer Güterabwägung der kirchlichen Obrigkeit überlassen, ob sie auf vermeintlich unabänderlichen Prinzipien beharren und es dafür in Kauf nehmen will, dass die Gemeinden immer weiter ausbluten. Schließlich macht das wirkliche Leben nicht an der Kirchentür Halt. Mehr als jede dritte Ehe in Deutschland wird inzwischen geschieden. Weil aber die Kirche in Deutschland nicht nur geistliche Gaben spendet, sondern als Arbeitgeberin Hunderttausenden Katholiken auch den Lebensunterhalt sichert, werden Beziehungssachen unversehens zur Existenzfrage: Ehe gescheitert, Job futsch.

Dagegen begehren inzwischen nicht mehr allein die Betroffenen auf. Arbeitsgerichte weichen immer häufiger von der gängigen Praxis ab, Kündigungsschutzklagen grundsätzlich im Sinne des kirchlichen Arbeitgebers zu entscheiden und dabei auf das Grundgesetz zu verweisen, das den Kirchen gestattet, „ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes“ zu ordnen und zu verwalten.

Königswinter kündigt Trägervertrag

Nun sagt zum ersten Mal auch eine Kommune „So nicht!“ Die Stadt Königswinter kündigt den Trägervertrag über einen katholischen Kindergarten, weil das Erzbistum Köln die Leiterin vor die Tür setzt. Sie ist nach der Trennung von ihrem Mann eine neue Beziehung eingegangen. Ein „ungeordnetes Verhältnis“, sagt die kirchliche Doktrin. Etwas, was nun einmal passiert, sagt die Lebenserfahrung.

Diese beiden Pole geraten in immer stärkere Spannung. Und der Fall von Königswinter ist die Zerreißprobe: Die Gesellschaft ist nicht mehr gewillt, ein auf (finanziellem) Druck basierendes Kirchenregiment mitzutragen. Dass der Vatikan sich allen Vorschlägen verweigert, die Pastoral für Geschiedene und Wiederverheiratete den mentalen und sozialen Veränderungen anzupassen – sein Problem. Schon vor bald 20 Jahren haben die drei deutsche Bischöfe – unter ihnen die theologischen Hochkaräter und späteren Kardinäle Karl Lehmann und Walter Kasper – dem damaligen Papst Johannes Paul II. Möglichkeiten einer Öffnung unterbreitet.

Vergebens. Der einstige Präfekt der Glaubenskongregation, ein gewisser Joseph Ratzinger, ließ seine Mitbrüder brüsk abfahren. Das rächt sich. Denn statt eines leuchtenden Zeugnisses für eheliche Treue und Beständigkeit familiärer Beziehung steht „Mutter Kirche“ immer mehr als vernagelte, unbarmherzige Gouvernante da.

Das kann nicht ohne Folgen für die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft bleiben. „Man erteilt einer Zeit keine Lektionen, man hat ihr nichts mitzuteilen, man kommuniziert nicht mit ihr, wenn man ihre Standards krass unterbietet“, warnt der Frankfurter Dogmatiker Knut Wenzel. Wesentliche Errungenschaften der Moderne würden von der Kirche als für sie selbst nicht verbindlich erachtet.

Eltern solidarisieren sich mit Kindergartenleiterin

Dazu gehört das Recht auf eine zweite Chance – eigentlich ein urchristlicher Gedanke, der im Übrigen die Scheidungspraxis in der orthodoxen Kirche ebenso bestimmt wie bei den Protestanten. Und selbst im katholischen Kirchenrecht, das den Glauben in klirrende Juristenlogik zu übersetzen versucht, sind die Ausnahmefälle geregelt, in denen sich die Kirche von Anfang an über die angeblich unumstößlichen Forderungen Jesu an die Eheleute hinweggesetzt hat.

Brüche gehörten nun einmal zum menschlichen Leben und verlangten nach einer verständnisvollen Begleitung durch die Kirche, hat der Berliner Kardinal Rainer Woelki unlängst sinniert. Bis ins kirchliche Arbeitsrecht ist diese Einsicht immer noch nicht vorgedrungen. Die moderne Gesellschaft aber trägt die „Dämme hoch, Schotten dicht“-Mentalität nicht mehr mit, die sich dahinter verbirgt. Und zur „modernen Gesellschaft“ gehören zuerst und vor allem die Katholiken selbst.

In Königswinter haben sich die Eltern mit der entlassenen Kindergartenleiterin solidarisiert und wollen sie weiterbeschäftigt wissen. Weil es im Berufsleben nicht um die Frage geht, ob und wie jemand seine Beziehung meistert, sondern wie qualifiziert, fachlich und menschlich kompetent jemand für seinen Job ist.

Es gibt Bischöfe, denen das klar ist und denen schwant: Wenn sich in der Kirche hier nicht etwas ändert, ist auf der Hallig bald Land unter.