Es gibt einen Menschen in Europa, der Todesängste und Hoffnungen der Sozialdemokraten in Deutschland gleichermaßen verkörpert: Emmanuel Macron. Er hat mit seiner Bewegung En Marche die Sozialisten in Frankreich in die Bedeutungslosigkeit geschickt. Das ist eine Warnung für die SPD, wie schnell es vorbei sein kann. Einerseits.

Volatile Wahlbedingungen in Europa machen alles möglich

Andererseits zeigt das Phänomen Macron auch: In den Wählerschaften quer durch Europa sind die Bindungen so volatil, dass auch für eine Partei im scheinbar ewigen Umfragetief bessere Tage möglich sind. Warum, so ließe sich fragen, sollte eine traditionsreiche Partei wie SPD bei der nächsten Bundestagswahl nicht eine erfolgreiche Kampagne aus dem Boden stampfen können, wenn jemand mit einer Parteineugründung französischer Präsident werden kann? Ja, warum eigentlich nicht?

Seit 100 Tagen ist Andrea Nahles SPD-Chefin. Sie ist jetzt für den Patienten SPD verantwortlich. Mit der richtigen Therapie soll sie dafür sorgen, dass die Partei möglichst bald nicht mehr im Krankenbett liegt. Oder dass sie – durch ein Mindestmaß an Bewegung – zumindest keinen Dekubitus bekommt.

Nahles hat den Job in den ersten 100 Tagen ordentlich gemacht, wenn auch nicht brillant. Sie kommuniziert viel nach innen, nimmt die Parteiflügel bei Entscheidungen mit. Die Aussage zur Flüchtlingspolitik „Wir können nicht alle aufnehmen“ war ein Fehler – weil eben niemand je behauptet hat, Deutschland solle dies tun. Gut ist aber, dass Nahles versucht, eine verlässliche, ausgewogene Linie zu finden, die auch das Bedürfnis nach Ordnung in Teilen der SPD-Wählerschaft berücksichtigt. Gewinnen kann die SPD in der Flüchtlingspolitik nichts. Aber sie kann viel verlieren.

Nahles hat die Koalitionskrise gut gemanaged

Ihr Gesellenstück hat Nahles mit dem geschickten Management der Koalitionskrise geliefert, die von der CSU rund um das Thema Abweisung von Flüchtlingen an der Grenze losgetreten wurde. Nahles tat etwas, das sonst die Stärke von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist: warten. Und ihr gelang zudem etwas, das bei den Sozialdemokraten höchst selten ist: Die Parteiflügel hielten auf Wunsch der Vorsitzenden still.

Die Republik sah also zu, wie CDU und CSU sich gegenseitig an den Rand des Abgrunds schubsten. Die SPD lieferte spät, aber nicht zu spät eigene Punkte, mit denen sie in die Verhandlungen zog. Dort verständigten sich die Parteien darauf, dass das Gesetz zur Fachkräftezuwanderung auf Wunsch der Sozialdemokraten schnell umgesetzt wird. Für die CSU blieb nichts als die Zusage, dass die Bundespolizei – wenn Innenminister Horst Seehofer die notwendigen bilateralen Abkommen erreicht – künftig an drei Grenzübergängen in Bayern etwa fünf Flüchtlinge täglich in ein schnelles Transitverfahren bringen kann.

Die neue SPD-Vorsitzende hat geschickt taktiert und reagiert. Das Gewinnerthema, mit dem sie die eigene Partei aktiv nach vorn bringt, hat sie aber noch nicht gefunden. „Die Imitation der Grünen hilft uns nicht weiter“, warnt Nahles die Genossen. Dabei geht es um folgende Erkenntnis: Allein mit Studienräten kann die SPD keine Wahlen gewinnen. Sie braucht auch ihr ureigenes Klientel, die Arbeiter, die unter den SPD-Funktionären nicht mehr stark genug repräsentiert sind.

Der SPD fehlt eine neue Figur für den Schritt nach vorn

Die kulturelle Bruchlinie zwischen diesen Wählergruppen ist tief – und sie ließe sich am besten durch einen Kandidaten überbrücken, der bei allen ankommt. Hier hat die SPD ein Problem. Nahles ist eine fröhliche Vulkaneifelerin, einnehmend im persönlichen Gespräch. Doch öffentlich kommt sie nicht so rüber. Olaf Scholz hat gute persönliche Werte als Finanzminister. Die hatten aber auch Peer Steinbrück im selben Amt und Frank-Walter Steinmeier als Außenminister. Kanzler wurden beide nicht.

Der Sieg von Macron und En Marche hat nicht zuletzt mit einem Phänomen zu tun, das es der SPD auch in Deutschland schwermacht. Es gibt eine diffuse Sehnsucht nach etwas Neuem, jenseits der bekannten Parteipolitik. Diese Sehnsucht hat Martin Schulz angesprochen, als er – obwohl schon ewig im Politikbetrieb – aus Brüssel wie ein Neuling nach Berlin kam. Er konnte nur den hohen Erwartungen nicht standhalten. Nahles und Scholz können keine Projektionsflächen für die Sehnsucht nach Neuem sein.

In Deutschland wäre dafür zurzeit am besten Robert Habeck geeignet, der Denkerpose und lässigen Auftritt auf eine natürliche Art verknüpft. Mit Habeck als Kanzlerkandidat könnte die SPD gewinnen. Aber er ist nun mal ein Grüner. Und Coolness lässt sich nicht imitieren.