Berlin - Die jüngste Festnahme eines Terrorverdächtigen ist für die Befürworter einer liberalen Flüchtlingspolitik keine gute Nachricht. Denn der 19-jährige Syrer aus Schwerin, der offenbar einen Anschlag plante, kam als Flüchtling nach Deutschland. Und es ist nicht der erste Fall dieser Art.

Dreierlei lässt sich für den Moment festhalten: Die größte terroristische Gefahr in Deutschland geht derzeit tatsächlich von Schutzsuchenden aus. Vier der sechs jüngsten Anschläge gehen auf ihr Konto. Der jetzt vereitelte fünfte Anschlag war wohl nur noch eine Frage der Zeit. Das ist kein Anlass für Hysterie und erst recht nicht für Hetze. Immerhin sind mehr als eine Million Menschen ins Land gekommen, ganz überwiegend aus echter Not und ohne böse Absichten. Gleichwohl können sich die Chefs der Sicherheitsbehörden in ihren Warnungen bestätigt fühlen – anders als jene, die von solchen Warnungen nichts wissen wollten.

Unbestreitbar gibt es einen Zielkonflikt zwischen Humanität und Sicherheit. Man löst ihn nicht auf, indem man seine Existenz verneint. Gewiss ist ebenso, dass die Sicherheitsbehörden Mühe haben, aus der Gesamtheit der Flüchtlinge die ganz wenigen herauszufiltern, die fanatisiert und gewalttätig sind. Dieselben Behörden werden hinterher kritisiert, wenn etwas schief geht.

Indiz für mangelhafte Integration

Der Fall Anis Amri liefert dafür reichlich Anschauungsmaterial. Grundsätzlich sind es – und das gilt weltweit – nahezu ausnahmslos junge Männer, die Anschläge begehen oder begehen wollen. Einsame Wölfe zumeist. Dies ist ein Indiz für mangelhafte Integration. Zugleich ist es in gewisser Weise „normal“: Von jungen Männern – ob einheimisch oder eingewandert – geht stets das größte Kriminalitätsrisiko aus.

Eine zweite Erkenntnis: Im mörderischen Repertoire der Terroristen spielen vernetzte Terroranschläge, wie wir sie 2001 in New York und Washington sowie danach in Madrid, London, Paris und Brüssel erlebten, eine offenbar schwindende Rolle. In den vergangen zwei Jahren nahmen die Attacken mit Pkw, Lkw oder Lieferwagen zu: in Nizza, London, Berlin, Barcelona und eben jetzt in Manhattan. In Hannover, Würzburg und Hamburg griffen die Täter zu einem Messer oder Beil. Solche Angriffe, von Einzeltätern zumal, lassen sich kaum verhindern. Dies gilt erst recht, wenn diese sich mehr oder minder einsam radikalisieren und mit niemandem über ihre Pläne sprechen. Beginnt aber jemand sich Materialien zum Bau von Sprengstoff zu beschaffen, wie der junge Syrer aus Schwerin, ist das anders. Es verwundert nicht, dass ausgerechnet er rechtzeitig enttarnt wurde.

690 bekannte islamistische Gefährder

Die dritte Einsicht betrifft die deutsche Sicherheitsarchitektur. Kürzlich enthüllte die „Süddeutsche Zeitung“, dass bisher kein einziger Islamist eine Fußfessel tragen muss, obwohl ein Gesetz dies seit dem vorigen Sommer ermöglicht. Die Folgenlosigkeit war absehbar. Schließlich werden fast alle 690 bekannten islamistischen Gefährder von den Ländern beschattet. Für die Landeskriminalämter gilt das Gesetz zur Fußfessel aber nicht.

Damit wären wir bei den Jamaika-Sondierungen. Vorige Woche haben CDU, CSU, FDP und Grüne in ihrem Papier zur inneren Sicherheit noch sage und schreibe 15 offene Fragen benannt. Zugleich haben sich die möglichen Koalitionäre aber bereits darauf verständigt, die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern bei der Terrorabwehr zu stärken. Gut so! Nicht zuletzt der Fall Amri hat gezeigt, dass eine föderale Sicherheitsstruktur untauglich ist, wenn sich ein potenzieller Attentäter über Ländergrenzen hinweg bewegt.

Noch besser wäre es gewesen, Amri hätte gar nicht erst den Weg nach Deutschland gefunden. Denn der Tunesier gab sich als Flüchtling aus. In Wahrheit war er ein Verbrecher.