Um es vorweg zu nehmen: Dass ein von jedermann als solcher erkennbarer Anti-Demokrat nun von aller Welt als vermeintlicher Demokrat verteidigt wird, ist eine Tragödie der besonderen Art. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat das übrigens bereits bewiesen – abermals bewiesen, um genau zu sein. Der Putschversuch sei „ein Geschenk Gottes“, sagte er. Denn er beschleunige die „Reinigung des Militärs“. Dies ist bei mindestens 265 Toten ein ungeheuerlicher Zynismus – ein Zynismus allerdings, der ins Bild passt.

Wir wissen noch viel zu wenig über die Putschisten, um endgültige Urteile fällen zu können. Klar ist freilich, dass Gewalt kein Mittel der Politik sein kann. Und klar ist ebenso, dass Erdogan demokratisch gewählt wurde und viele Türken bis heute hinter ihm stehen – nicht zuletzt jene in Deutschland. Die aktuellen Demonstrationen in unseren Städten sprechen für sich.

Von Demokratie im eigentlichen Sinne lässt sich gleichwohl in der Türkei seit einiger Zeit nicht mehr sprechen. Es gibt keine Meinungs- und keine Pressefreiheit. Es gibt keine unabhängige Justiz. Und ein Parlament, das frei wäre in seinen Entscheidungen – das gibt es auch nicht mehr. Die politische und moralische Zerrüttung der türkischen Führung erkennt man am besten an ihrer Reaktion seit Freitagabend. Sie bringt die Todesstrafe ins Gespräch. Auf Gewalt soll noch mehr Gewalt folgen. So fangen Bürgerkriege an.

Gott hat sich wohl am Wochenende frei genommen

Was nun geschehen wird, ist denn auch absehbar. Erdogan und seine Leute werden den Putsch nutzen, um nicht nur gegen die Putschisten vorzugehen, sondern – und zwar noch härter als bisher – gegen alles, was sich als Opposition versteht oder dafür gehalten wird. Der Westen sollte ihnen dabei in den Arm zu fallen versuchen – selbst wenn das vermutlich nichts nutzen wird. Fest steht: Die Türkei wird für alle noch unberechenbarer werden, als sie es ohnehin ist – in erster Linie für Europa.

Ein Geschenk Gottes ist dieser Putschversuch jedenfalls nicht. Eher ist es wohl so, dass Gott sich an diesem Wochenende frei genommen hat, weil er den Zustand der Welt im Allgemeinen und der Türkei im Besonderen nicht mehr ertragen konnte.

Verständlich wär’s.