Berlin - Elf Minuten Rekordjubel für Angela Merkel, nur vereinzelte Kritik, keinerlei Gegenkandidaten für den Spitzenjob bei der CDU und in der Regierung: Der Bundesparteitag der CDU stand unter dem inoffiziellen Motto: War was? Nichts scheint übrig von der Kanzlerdämmerung, der parteiintern teils verhassten Flüchtlingspolitik, den bis ins Satirische eskalierten Streit mit der CSU.

Doch der Eindruck täuscht. Der Unionsstreit ums konservative Tafelsilber, der nach der Euro-Rettung beim Flüchtlingsthema einen Höhepunkt erreichte, ist keineswegs spurlos an Merkel und ihrer Partei vorübergegangen. Im Gegenteil: Nach dem knappen Wahlsieg über Gerhard Schröder hatte die CDU-Chefin die „asymmetrische Demobilisierung“ als Wahlkampftaktik perfektioniert. Kein Thema war so sozialdemokratisch, dass Merkel es nicht verbal ebenfalls besetzte – und so hadernden SPD-Wählern den Grund nahm, überhaupt abzustimmen.

In ihrer Parteitagsrede in Essen hat Merkel nun klar gezeigt, dass sie verstanden hat: Diese Taktik funktioniert nicht mehr. Erstmals spürt die CDU ernsthaften Druck von Rechts, zugleich wird mit der Option Rot-Rot-Grün zumindest geblufft. Die Union muss nun Farbe bekennen, ihr eigenes Profil herausstellen, eigene Visionen anbieten.

Selbst wenn Merkels Minimalslogan von 2013, „Sie kennen mich“, für viele Merkel-Kritiker nicht ohnehin längst wie eine Drohung klänge – er würde auch inhaltlich nicht mehr reichen. Man mag von Merkels Ankündigungen wie der Forcierung innerer Sicherheit, von Daten- und Freihandel halten, was man will; auch von Symbolthemen wie dem Verbot der Vollverschleierung: Es täte der Politik gut, wenn nicht mehr um eine vage Mitte gekämpft wird, sondern unterscheidbare Politikentwürfe zur Abstimmung gestellt werden. Merkel hat das lange vermieden. In ihrer Rede hat sie ihrer Partei nun einen Kurswechsel in Aussicht gestellt: zurück zum konservativen Profil der CDU.