In der Wirtschaftswissenschaft gilt der Mensch als Wesen, das seinen materiellen Vorteil verfolgt. Auf dem vergangenen Weltwirtschaftsforum in Davos belehrte die Neurowissenschaftlerin Molly Crockett die anwesende Geld-Elite jedoch darüber, dass auch andere Gefühle Denken und Handeln leiten. Wut, zum Beispiel, und Neid. Diese Gefühle, so Crockett, könnten stärker sein als das wirtschaftliche Eigeninteresse. Und sie können zu einem Verhalten führen, das sie „teure Strafe“ nennt: Um andere zu schädigen, nimmt man hohe Kosten in Kauf.

Derzeit hat es den Anschein, dass diese Haltung in vielen Ländern stärker wird – und in den USA bereits regiert.

Am Freitag trifft sich US-Präsident Donald Trump mit den Vertretern großer amerikanischer Konzerne. Die sind nicht mehr glücklich mit ihrem neuen Präsidenten. Noch vor kurzem galt Trump als Mann des Business, der mit Steuersenkungen, Zöllen und Mauern versucht, die Gewinne des globalen Geschäfts in die USA zu lenken, wovon die kleinen Leute per Arbeitsplätzen und Einkommen profitieren sollten. Ähnlich schien die Lage in Großbritannien zu sein, wo die EU-Kritiker Jobs und Wohlstand versprachen, sobald das Land die Fessel der EU abgestreift hat.

Eitle Hoffnung?

Diese Vorstellungen trafen stets auf eine geschlossene Front der Ökonomen. Protektionismus, so warnten sie, schädigt die Wirtschaftsleistung und bringt keine Jobs zurück. Zölle für Importwaren müssten letztlich die Inländer über höhere Preise zahlen, was die ärmeren Haushalte besonders trifft. Die britische Regierung wiesen Ökonomen darauf hin, dass mit einem Austritt aus der EU ein Land den Zugang zum wichtigsten Markt verliert. Für eine nationale Wirtschaft sei es besser, das Ausland und die Ausländer in Dienst zu nehmen, anstatt sie zu bekämpfen. Auf diesen Einwänden basierte die Hoffnung, dass ein ökonomisches Kalkül die regierenden und regierten Patrioten zur Mäßigung animieren würde.

Diese Hoffnung könnte eitel gewesen sein. Das belegt die Tatsache, dass inzwischen nicht mehr nur die Ökonomen, sondern auch die amerikanischen Konzerne mit Schrecken die Politik ihres Präsidenten verfolgen und aus dem Warnen gar nicht mehr herauskommen. Dies führt aber zu keinem Politikwechsel. Trump scheint es nicht um Wohlstand oder materiellen Gewinn zu gehen. Sein patriotischer Rigorismus zielt gar nicht auf Gewinn. Sondern auf Gerechtigkeit. Und die scheint nach folgendem Muster zu funktionieren: Der nationale Reichtum ist für Inländer reserviert. Jeder Arbeitsplatz, jedes Gut, jede Sozialleistung steht nur Inländern zu. Daraus folgt: Wenn ein Ausländer einen Job hat oder Sozialleistungen bezieht, hat er sie Inländern weggenommen. Es spielt für radikalisierte Patrioten keine Rolle, ob ein Land 20 Milliarden, 2,0 Milliarden oder 0,2 Milliarden für Immigranten ausgibt, ob die EU-Mitgliedschaft eine oder zehn Milliarden kostet - alles ist zu viel, gemessen am Empfänger. Hier werden nicht länger Kosten und Nutzen ins Verhältnis gesetzt. Es geht ums Prinzip. 

Verdacht ungerechtfertigter Bereicherung

Arbeitsplätze stehlen Ausländer nach dieser Logik schlicht dadurch, dass sie im Inland einer bezahlten Arbeit nachgehen; oder – in der Trump-Variante -  indem der Ausländer im Ausland bleibt, dort produziert, sein Produkt in den USA verkauft, darüber US-Unternehmen Konkurrenz macht und so den Amerikanern ihre Jobs klaut. Jedes Import-Gut steht für Trump damit im Verdacht einer ungerechtfertigten Bereicherung.

Da Ausländer Zugriff auf inländische Ressourcen haben, muss gemäß dieser Logik das Recht wieder hergestellt werden – durch Ausschluss: Zölle, Mauern, Einreiseverbote etc. Dass es dadurch keinem Inländer besser geht, dass dadurch die inländische Ökonomie sogar Schaden davonträgt, gilt an dieser Stelle nicht als Einwand. Der Schaden wird billigend in Kauf genommen, um der patriotischen Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen nach dem Muster: Wenn es uns schon schlecht geht, soll es anderen auch schlecht gehen. Es ist die Logik des Neiders, der nicht für sich nach Verbesserung strebt, sondern auch mit dem Schaden des anderen zufrieden ist.

Versprechen auf Umverteilung

Ob Trump und andere rechte Politiker diesen aggressiven Patriotismus teilen oder nur bedienen, wissen nur sie selbst. Aber sie können gut mit ihm leben. Statt Umverteilung von oben nach unten bieten sie den Unzufriedenen das Versprechen auf Umverteilung vom Ausland ins Inland. 

Die USA und Großbritannien gehören zu den Industrieländern mit der schärfsten Ungleichheit. Vom Wirtschaftswachstum der vergangenen 35 Jahre hat die Hälfte der US-Haushalte nichts gehabt, ihr Einkommen stagniert seit 1980. Der Zuwachs ging nicht an die Mexikaner, sondern vor allem an die reichsten zehn Prozent der Amerikaner. Das war vor Trump so, und das wird sich wohl fortsetzen. Mitten im florierenden Patriotismus ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in den USA auf ein Rekordtief gesunken. Die konservative Partei bereitet einen Gesetzesentwurf vor, der die Gewerkschaften weiter zurückdrängen soll.