Berlin - Weit muss man in der bundesdeutschen Geschichte zurückgehen, um einen Kanzler mit ähnlichem wirtschaftlichem Erfolg wie Angela Merkel (CDU) zu finden. Konrad Adenauer, Kanzler des westdeutschen Wirtschaftswunders, war der letzte, der mit einem so langandauernden Aufschwung regierte. Einen kurzen Boom erlebten auch andere.

Aber das Besondere am Aufschwung in der Ära Merkel ist seine Hartnäckigkeit. Ohne spektakuläre Ausschläge, dafür stetig und beharrlich, solide und verlässlich, fast unerschütterlich geht es aufwärts. Man könnte meinen, dieser spezielle Aufschwung trage die Charakterzüge Merkels. Aber das wäre zu viel der Ehre für eine Staatsfrau im Glück. Denn Merkels wirtschaftspolitische Bilanz ist alles, nur nicht glänzend.

Merkel lebt gnadenlosen Pragmatismus vor

Eine erkennbare wirtschaftspolitische Position hatte Merkel vor langer Zeit als Oppositionsführerin. Getrieben vom Zeitgeist, setzte sie sich für massive Steuersenkungen und eine Liberalisierung der Arbeitsmärkte ein. Als sie damit bei den Wählern auflief, schaltete sie um auf gnadenlosen Pragmatismus. Der hat Vorteile. Mit Merkel an der Spitze geht Deutschland drängende Probleme nüchtern und sachorientiert an.

Aber zu Merkels Pragmatismus gehört auch der Verzicht, zu gestalten und mehr zu tun, als es die Pflicht gerade erfordert. Zum Pragmatismus gehört die Bereitschaft, notfalls auch Unsinn zuzulassen, wenn es politisch opportun erscheint: Die kleinen Koalitionspartner genießen Narrenfreiheit. Mit Merkel ist wirtschaftspolitisch fast jeder Quatsch zu machen, solange er „nur“ Geld kostet.

Strake, aktive Merkel in der Finanzkrise

In den zwölf Jahren Merkel sticht ein Ereignis heraus, das dem Bild einer getriebenen, passiven Kanzlerin ohne Agenda zu widersprechen scheint. In der Finanzkrise erlebten die Deutschen eine starke, aktive Merkel. Mit ihrem Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) überzeugte sie die Sparer, dass sie ihre Konten nicht räumen müssten.

In dieser Phase setzte der Daueraufschwung aus und Deutschlands Wirtschaft brach schwerer ein als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Natürlich rechnet es sich Merkel als Erfolg an, dass dieses Land so gut durch diese heikle Zeit kam. Doch auch hier sind Zweifel an ihrem persönlichen Verdienst erlaubt.

Merkels Stempel in der Eurokrise

Den Konjunkturabsturz bewältige die Bundesrepublik vor allem deshalb so gut, weil die Weltwirtschaft anzog. Die deutsche Bankenrettung war ebenfalls kein Glanzstück, im Gegenteil. So teuer wie hierzulande wurde es fast nirgends für die Steuerzahler. Und das Ergebnis? Trotz der Milliarden vom Staat fallen die deutschen Banken bedrohlich in die Zweit- oder Drittklassigkeit. Sie lassen sich vorführen von den Giganten in den USA, die durch das energischere Einschreiten der dortigen Regierung die Bankenkrise viel schneller abhakten.

Ihren Stempel drückte Merkel dem Management der Eurokrise auf. Die ist aber trotz erster Hoffnungszeichen nicht gelöst. Bis heute leiden Millionen Menschen in den Krisenländern unter massiver Arbeitslosigkeit, sozialer Verelendung und dem Mangel an Perspektiven.

Merkel hätte günstige Umstände nutzen sollen

Hoffentlich werden Merkels Jahre als Dauerkanzlerin im Daueraufschwung nicht als Ära verpasster Chancen in die Geschichte eingehen. Noch profitiert Deutschland von der Demografie, weil die Babyboomer arbeiten. Zudem hilft die Weltwirtschaft. Der Aufstieg der Schwellenländer treibt die hiesige Industrie an.

Man hätte sich gewünscht, Merkels Regierung hätte diese einmalig günstigen Umstände genutzt: um die Bildung zu stärken und mehr Menschen teilhaben zu lassen am Wohlstand. Um Deutschland für den digitalen Wettbewerb zu rüsten. Um die Energiewende ordentlich zu managen, die Infrastruktur zu modernisieren und zum Wohl künftiger Generationen mehr in einen leistungsfähigen Standort zu investieren.