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Foto: Getty Images/Alfonso Cacciola

BerlinDie wichtigste Botschaft dieses Papieres lautet: Von nun kann keine Organisation mehr behaupten, dass sie alte Fälle von sexuellem Missbrauch in den eigenen Reihen nicht aufklären kann, weil sie nicht weiß, wie es geht. Am Dienstag hat die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs der Bundesregierung ihre 50-seitige Broschüre "Rechte und Pflichten: Aufarbeitungsprozesse in Institutionen" veröffentlicht.

Was im Titel etwas trocken klingt, ist eine bundesweit bislang einmalige Handlungsempfehlung, wie mit Fällen von Gewalt und anderen Formen von Missbrauch von Kindern und Jugendlichen umgegangen werden soll - egal, ob in einer großen Institution wie der Kirche oder einem kleinen Sportverein. Seit Jahren folgt Missbrauchsfall auf Missbrauchsfall: Katholische Kirche, Odenwaldschule oder das Canisius-Kolleg in Berlin und immer wieder Sportvereine.

"Sexueller Missbrauch ist keine ferne Vergangenheit, sondern ist aktuell", sagte die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen. "Die Betroffenen haben immer das Recht auf Aufarbeitung, und die Institutionen haben immer die Pflicht zur Aufarbeitung." Doch dabei benötigen sie Hilfe. "Institutionen, die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch aufarbeiten wollen, wissen oft nicht, wie sie vorgehen sollen", sagte die Kommissionschefin. "Auch für heute erwachsene Betroffene, die Aufarbeitung einfordern und von Widerständen in Institutionen berichten, ist es wichtig, dass sie auf klare Kriterien zurückgreifen können."

Niemand beginnt die Aufarbeitung freiwillig

Eine wichtige Hilfe ist nun dieses Handlungskonzept. Alle haben nun auf 50 Seiten eine Checkliste, einen wichtigen Überblick. Das Ganze seit kein "Kochbuch" mit verpflichtenden Handlungsanweisungen, sondern vor allem eine Anregung, sich mit der oft verborgenen Gewaltgeschichte zu befassen.

"Die Sünden der Vergangenheit können der Hebel sein, sich damit auseinanderzusetzen", sagte Kommissionsmitglied Matthias Katsch.  Es gebe keine konfliktfreie Aufarbeitung, deshalb raten die Fachleute zu einem planvollen Vorgehen. Am besten sei es, wenn sich jeder Sportverband, jede Kirchengemeinde, jede Schule und jede Kita, jeder Verein damit befasst, wie sie bei einem Missbrauchsfall vorgehen wollen - unabhängig davon, ob es je konkrete Vorwürfe gegeben hat. 

Eine Sache ist klar, sagte Kommissionsmitglied Heiner Keupp: "Bislang kennen wir keine Institution, die von sich aus sagt: Ich will die Geschichte aufarbeiten." Es war immer nötig, dass Betroffene die Fälle öffentlich machen. "Wenn der Druck gegenüber Institutionen nicht groß genug ist, ist auch die Bereitschaft zur Aufarbeitung nicht so groß", sagte Keupp.  

Verweigerung kann existenzgefährdend sein

Wenn Fälle öffentlich werden, gibt es meist die "Flucht nach vorn", also in die Prävention. Dann werden schnell Strategien entwickelt, damit solche Fälle von Gewalt nicht wieder passieren. Doch es gibt meist eine Scheu, die vergangenen Fälle wirklich aufzuarbeiten. "Aber es ist nötig, mit dem Blick zurück für die Gegenwart zu lernen", sagte Kartsch. Es geht auch darum, Strukturen zu überwinden, in denen einzelne zu Tätern werden und in denen Opfer nicht gehört oder ihre Meldungen nicht ernst genommen werden. 

Die Scheu ist bei vielen Institutionen groß, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Doch was geschieht, wenn sie es nicht machen? Da sind sich die Fachleute einig und verweisen auf die massenhaften Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule: "Wenn zum Beispiel eine Schule die Vorfälle aufarbeitet, kann sie ihre Existenz retten", sagt Kommissionsmitglied Brigitte Tilmann. "Wenn sie es nicht macht, riskiert sie ihre Existenz."

Aber wie soll die Aufarbeitung ganz konkret ablaufen? Da hat die Kommission eine klare Linie: Zuerst müssen die oberen Hierarchieebenen die Vorwürfe von Betroffenen erst nehmen und ihren zuhören. Es geht um eine vertrauliche Anhörung. 

Grundfrage: Werden die Namen der Täter genannt?

Dann müssen die Organisationen bereit sein, sich der Vergangenheit zu stellen. Dazu sollte ein möglichst unabhängiger Beirat gebildet werden, der die Ziele der Aufarbeitung nennt, die Finanzierung klärt und auch rechtliche Schritte. 

Dann muss es ein Aufarbeitungsteam geben, das möglichst unabhängig von der Institution arbeitet und zum Beispiel aus psychologischen Fachleuten besteht sowie aus pädagogischen, medizinischen und juristischen Spezialisten. Das Team schließt dann einen Vertrag mit der Organisation, in der von Anfang an die wichtigsten Konfliktpunkte geklärt sein müssen: Zum Beispiel, ob die Täter auch als Täter bezeichnet werden oder nur als Beschuldigte. Oder ob ihre Namen genannt werden.

Weitere Kernfragen sind: Darf das Team an alle Akten? Wie wird die Manipulation von Akten oder ihre Vernichtung verhindert? Soll der Bericht veröffentlicht werden und wer darf dort inhaltliche Veränderungen vornehmen? Wie soll das Team mit nicht verjährten oder aktuellen Fällen umgehen?

Betroffene immer beteiligen

Die wichtigste Forderung der Kommission: Die Betroffenen müssen in allen Etappen der Aufarbeitung beteiligt werden. 

Doch wie soll ein kleiner Sportverein das alles schaffen? Auch dazu hat die Kommission eine klare Linie. Vorbild sollten Schulen und Kitas sein, bei denen viele bereits einen Ansprechpartner für Missbrauchsfälle haben und sich ein Handlungskonzept für den "Ernstfall" erarbeitet haben. "Kleine Sportvereine haben wenige Ressourcen", sagte Kommissionschefin Andresen. "Trotzdem wollen wir sie ermutigen, sich ihrer möglichen verborgenen Gewaltgeschichte zu stellen." Dazu sollen die Verein sich Hilfe von den übergeordneten Verbänden oder vom Landessportbund holen. "Die können unterstützen und Ressourcen stellen. Dort gibt es Netzwerkstrukturen, dort gibt es Verantwortliche für Missbrauchsfälle." Es gibt auch Hilfstelefone und nun eben auch den neuen Leitfaden der Kommission.

Die neue Handlungsempfehlung kann im Internet heruntergeladen werden unter: www.aufarbeitungskommission.de