Zur Fußball-EM wird es im Land wieder von Deutschlandfahnen schwingenden Patrioten wimmeln.

Von Stimmungs-Patrioten, ja. Dahinter ist aber kaum Substanz. Wir haben nach dem berühmten Sommermärchen 2006 und dem kollektiven Taumel vom neuen, weltoffenen und fröhlichen Deutschland Studien angestellt, die zeigen: Von wegen alles wunderbar! Nix da! Als der Alltag wieder einkehrte, hatte sich überhaupt nichts geändert. Die Fremdenfeindlichkeit war nach der „großartigen“ WM 2006 zum Teil stärker als vorher. Für diesen Befund sind wir schwer gescholten worden, nach dem Motto: „Ihr wollt uns wohl den Fußball kaputtmachen“. In Frankreich war es übrigens ganz ähnlich. Nachdem die Équipe tricolore, diese in jeder Hinsicht „farbige“ Truppe, 1998 Weltmeister geworden war, kehrte der sprichwörtliche Rassismus auch alsbald zurück.

Lassen Sie uns noch einmal der Frage nach einem Orientierungspunkt für unsere Gesellschaft nachgehen!

Zurzeit sind Kontrolle und Kontrollverlust Schlüsselbegriffe für die Selbstverständigung unserer Gesellschaft, weil keiner gern die Kontrolle über sein Leben verliert und ungern kontrolliert wird. Die Angst vor Kontrollverlust ist leicht übertragbar auf Institutionen und das politische System insgesamt. Das absurdeste Beispiel, wie der Staat auf die Erfahrung von Kontrollverlust reagiert, ist derzeit der Umgang mit der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU.

Absurd inwiefern?

Weil die Untersuchungskommissionen die Fragen nach versäumter Überwachung der Täter, nach Fahndungspannen und Ausweitung künftiger Kontrollen so weit aufgeblasen haben, dass die Frage nach Entstehung, Unterstützern und Eskalationen verschwindet. Damit werden letztlich die Mörder abgetrennt von einer als ansonsten vermeintlich völlig intakt dargestellten Gesellschaft. Wenn wir den Kontrollapparat hochfahren, ist alles paletti! Dass man eine solche Vorstellung in die Welt setzen kann, ist eine abenteuerliche gesellschaftliche Selbsttäuschung!

In welche Richtung müsste eine gesellschaftliche Debatte gehen?

Wir sollten die gesellschaftliche Integrationsqualität für Alteingesessene und Zugewanderte gleichermaßen überprüfen. Wir müssen immer wieder neu überlegen, wie wir der Ökonomisierung des Sozialen entgegentreten können – gegen die Ideologie der Ungleichwertigkeit aufgrund von Kategorien wie Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz von Personen und Gruppen. Und ich frage: Wo bleibt eigentlich in Deutschland die produktive Unruhe für eine neue Kultur der Anerkennung?

Interview: Joachim Frank