Rom - Den Höllenschlund vor Augen, das Entsetzen auf den Gesichtern der Verdammten – dieser Anblick dürfte selbst abgebrühte Zeitgenossen nicht unberührt lassen. Umso mehr werden die 115 Kardinäle einen frommen Schauder spüren, wenn sie von heute Nachmittag an zur Wahl des neuen Papstes vor Michelangelos Monumentalfresko mit dem „Jüngsten Gericht“ treten und ihren Stimmzettel in den als Wahlurne fungierenden Kelch werfen. Sie schwören dabei einen heiligen Eid, dass sie denjenigen Kandidaten wählen, den sie nach bestem Wissen und Gewissen für den optimalen Nachfolger des hl. Petrus und Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken halten.

Die Dramaturgie setzt auf die Wucht der Kunst, die sakrale Aura der Sixtinischen Kapelle. Auch Papst Johannes XXIII. wusste sie sich zunutze zu machen, als er einen Tag nach Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, am 12. Oktober 1962, die nicht-katholischen Beobachter und das Diplomatische Korps in der Sixtina empfing, auf die Stirnwand der Kapelle mit dem „Jüngsten Gericht“ zeigte und sagte: „Dies, meine Herren, erwartet unser Werk.“

Der Ablauf des Konklaves, zuletzt geregelt von Papst Johannes Paul II., ist eher gestaltet als eine große Liturgie, ein Gottesdienst, denn als ein rein technischer Wahlvorgang. Dabei wird ein neuer Papst in einem – wenn das Wort in der katholischen Kirche erlaubt ist – vergleichsweise demokratischen Verfahren bestimmt: Es gilt das Prinzip, „one man, one vote“, und die Wahlmänner repräsentieren den weltweiten Katholizismus, auch wenn ihre Herkunft längst nicht die Zahlenverhältnisse der Gläubigen in den Kontinenten und Regionen wiedergibt. Wenn kirchlicherseits auch gern der Einfluss des Heiligen Geistes auf die Auswahl des neuen Pontifex betont wird, so ist der höchst irdische Beitrag der Bodenpersonals im Kardinalspurpur unbestritten.

Es brodelt in der Gerüchteküche

So borden am Ende der gut einwöchigen Beratungen im Kardinalskollegium  die Prognosen und Gerüchte hoch: über die Interessengruppen im Konklave, über die Machtverhältnisse, die Strategien und die Favoriten. Einer der besten Kenner der Materie ist Marco Politi von der italienischen Tageszeitung „Il fatto quotidiano“. In seinem Buch „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ beschrieb der „Vatikanist“ schon vor Monaten recht präzise das Szenario eines Rücktritts von Benedikt XVI.

Heute sieht Politi zwei Kardinäle mit etwa gleichen Chancen als „papabili“ ins Konklave gehen: Für den Mailänder Erzbischof Angelo Scola als „Frontrunner“ verbucht er 37 Stimmen, acht weniger für seinen „Gegenspieler“, den deutsch-stämmigen, stark sozial engagierten Brasilianer Odilo Scherer, Erzbischof von Sao Paolo. Beide sind auch bei den Buchmachern in Wetten auf den neuen Papst an aussichtsreicher Position.

„Scolas Unterstützer setzen auf einen Lawineneffekt in den ersten Wahlgängen“, erläutert Politi. Dabei würden sich die Unentschlossenen und Unsicheren nach ersten Probe-Abstimmungen zügig auf die Seite des meistgenannten Kandidaten schlagen, um ihn als neuen Papst mit einem breiten Konsens-Votum zu versehen. Bleibt diese Dynamik aus, blockieren sich die Unterstützer- Interessengruppen, dann heißt es „neues Spiel, neues Glück“. In diesem Fall rechnet Politi mit einem mindestens dreitägigen Konklave. Und es schlägt die Stunde der „Großwähler“ – einflussreicher Kardinäle mit großer Autorität, die zwar nicht selber Papst werden, aber den Wahlausgang maßgeblich bestimmen. So war es zum Beispiel bei der Wahl 1978, als der Wiener Kardinal Franz König den Blick seiner Mitbrüder im Konklave auf den Polen Karol Wojtyla lenkte.

Zu den „Königsmachern“ im Konklave 2013 zählt Politi Königs Nachfolger Christoph Schönborn, einen Mann der gemäßigten Mitte.

„Scola hat einen Teil der Italiener hinter sich, auch der Franzosen, Amerikaner und eine Gruppe von Kardinälen aus der Dritten Welt, die in der Auseinandersetzung mit dem Islam stehen“, analysiert Politi. Dem Islam hat sich Scola seit Jahren auf hohem intellektuellem Niveau in seiner Zeitschrift „Oasis“ angenommen. Politi nennt den 71-Jährigen einen „guten Verwalter und energischen Seelsorger mit kultureller Ader“.

Gegen Scola spreche seine Herkunft aus der Berlusconi-nahen Bewegung „Comunione e Liberazione“, die in Finanzaffären verwickelt ist. Auch der Ärger der „Ausländer“, also der Nicht-Italiener, über die Vatileaks-Affäre, die als Problem der Italiener gelte, könnte die Wahl Scolas verhindern. „Die ersten Wahlgänge werden zum Referendum für oder gegen einen italienischen Papst werden“, so Politi. Zudem habe Scola bei keinem der „Reformthemen“ wie Sexualmoral, Homosexualität, Öffnung der Ämter für Frauen je eine von der unnachgiebigen Linie Benedikts XVI. abweichende Haltung eingenommen.

"Die Reformer werden abwarten"

Damit habe er sich der reformorientierten Minderheit im Kardinalskollegium, zu der Politi die deutschen Kardinäle Karl Lehmann und Walter Kasper zählt, nicht gerade empfohlen. Freilich habe das Reformlager auch keinen eigenen geborenen Kandidaten in petto. Das erinnert an die Wahl vor acht Jahren, als diese Gruppe sich hinter dem hoch angesehenen, aber kranken Mailänder Alt-Erzbischof Carlo Maria Martini versammelt hatte, auf den sich die Kardinäle schwerlich mit der erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit hätten verständigen können. „Also werden die Reformer abwarten, ob Scola gestoppt wird, und dann schauen, ob sie ihre Chance bekommen“, vermutet Politi.

Immerhin haben sich im „Präkonklave“, bei dem sich mehr als 130 Kardinäle zu Wort meldeten, einige wesentliche Erwartungen der Kardinäle an den neuen Papst herauskristallisiert: Reform und straffere Lenkung der vatikanischen Behörden, mehr Gehör für die Weltkirche in der römischen Zentrale, stärkere Verwirklichung des Kollegialitätsprinzips. „Diese Themen prägten die Beratungen an allen Tagen, und ganz bestimmt wird jeder Kandidat, der sich Chancen auf eine Wahl ausrechnet, hier Signale gesetzt oder Zusicherungen gemacht haben“, sagt Politi. Allerdings sei davon nichts Belastbares in die Öffentlichkeit gedrungen. „Jedenfalls ist der Unmut über die Vatileaks-Affäre groß unter den Bischöfen der Welt“, sagt Politi. Und auch das Unbehagen darüber, dass ihnen das 300-seitige Ergebnis einer von Benedikt eingesetzten Untersuchungskommission zu Indiskretionen, Missmanagement, finsteren Geldgeschäften und homosexuellen Netzwerken im Vatikan vorenthalten wird. Mit Blick auf die Verantwortung und mögliche Verstrickung kurialer Spitzen-Funktionäre in die Affäre hätte die Wahl eines Kurienkardinals zum neuen Papst daher auch etwas von einem Vabanque-Spiel. Gerade das spricht für einen Papst „von außen“, unbelastet durch Intrigen und kuriale Seilschaften.

Eigentlich, sagt Politi, gibt es sogar den „perfekten Kandidaten“. Trotzdem wird er kaum gewählt werden: Luis Antonio Tagle, Kardinal der philippinischen Hauptstadt Manila. Er ist hoch gebildet, seelsorgerlich begabt, auf der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Allein, mit seinen 55 Jahren gilt er als zu jung. Für den „Vatikanisten“ Politi ist das ein Paradox: „Wenn der Heilige Geist doch den derzeit Besten umweht, warum sollten dann Zeitrechnung und Dauer des Pontifikats noch eine Rolle spielen?“ Allerdings sind genau solche Erwägungen seit dem Rücktritt Benedikts XVI. zu zentralen Fragen geworden  – kirchenpolitisch wie theologisch. Und all das im Angesicht von Michelangelos „Jüngstem Gericht“.