Konzert von Norah Jones in Berlin: „Ambitioniert war ich nicht“

Norah Jones ist standesgemäß in einem Londoner Luxushotel mit Blick auf die Themse abgestiegen. Richtig ausgeschlafen wirkt die zurückhaltende Musikerin, die im gelben Blümchenkleid zum Interview erscheint, allerdings nicht. Die 38-Jährige hat Augenringe, manchmal gähnt sie verstohlen. Das ist nicht allein ihrem Jetlag geschuldet. Als Mutter von zwei kleinen Kindern kriegt die Amerikanerin, die ihr Album „Day breaks“ während ihrer letzten Schwangerschaft aufgenommen hat, wenig Schlaf.

Frau Jones, Sie treten am Montag in der deutschen Hauptstadt auf. Könnten Sie sich vorstellen, nach Berlin zu ziehen?

Im Moment nicht. Ich lebe ja gerne in New York. Dort erkennt mich selten jemand auf der Straße. Ich kann mich völlig frei bewegen – sogar in der U-Bahn oder beim Einkaufen. Für mich ist es überhaupt kein Problem, zu Fuß durch Manhattan zu streifen.

Klingt, als wären Sie inzwischen eine überzeugte New Yorkerin.

Ich bin genauso New Yorkerin wie Texanerin. Schließlich hatte ich eine tolle Jugend in Texas. Mit einer alleinerziehenden Mutter, die eine unglaublich starke Frau war. Von ihr habe ich gelernt, auch mal Nein zu sagen. Davon profitiere ich natürlich im Musikgeschäft.

Wie eine knallharte Geschäftsfrau wirken Sie aber nicht.

Dieser Typ bin ich auch nicht. Mir ist es durchaus wichtig, von anderen gemocht zu werden.

Dabei gelten doch gerade Einzelkinder als egoistisch...

Ich hätte nichts gegen eine größere Familie gehabt. Als Kind habe ich mich manchmal ein bisschen einsam gefühlt. Meine Halbschwester Anoushka Shankar lernte ich ja leider erst mit 18 kennen. Vor unserer ersten Begegnung waren wir beide ziemlich nervös. Zum Glück lagen wir sofort auf einer Wellenlänge und sind gute Freundinnen geworden.

Ihre Schwester spielt Sitar – wie Ihr Vater Ravi Shankar. Haben Sie sich jemals an diesen Instrument ausprobiert?

Nur ein einziges Mal. Anoushka hat versucht, mich zu unterrichten. Obwohl es lustig war, wusste ich schon nach ein paar Minuten: Das ist nicht mein Instrument. Um es zu spielen, muss man den Rücken verdrehen. Ich frage mich, wie mein Vater das ausgehalten hat. Selbst als alter Mann war er noch ganz verrückt nach seiner Sitar.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich geweigert, öffentlich über Ihren Vater zu sprechen. Woran lag das?

Ehrlich gesagt hatte ich eine komplizierte Beziehung zu ihm. Ich wolle auf keinen Fall als „Tochter von...“ gehandelt werden, sondern mich als eigenständige Persönlichkeit behaupten. Letztlich hat sich das ausgezahlt. Künstlerisch wurde ich nie mit meinem Vater verglichen. Er hat seine Musik gemacht, ich meine. Wer meine Lieder hört, erkennt eh blitzschnell: Sie sind meilenweit von seinen indischen Kompositionen entfernt.

Stimmt es eigentlich, dass Sie Ihre Songs in der Küche schreiben?

Das mache ich oft. Dort steht ein kleines Klavier, das ich häufiger benutze als das Piano in meinem Musikzimmer. So habe ich den Grundstein für mein Album „Day Breaks“ gelegt.

Es knüpft an den jazzigen Sound Ihrer ersten CD „Come away with me“ an.

Ich habe mich diesmal von meinen großen Vorbildern Wayne Shorter, Miles Davis und Duke Ellington inspirieren lassen. Trotzdem hatte ich noch nie das Gefühl, eine echte Jazzerin zu sein. Ich singe halt einfach wie eine Jazzsängerin, weil Jazz meine Basis ist. Denn ich habe als ganz junge Musikerin regelmäßig Standards interpretiert.

Damals sind Sie in Bars und Restaurants aufgetreten. War das eine harte Schule?

Ja. Ich war diejenige, die für nette Hintergrundmusik gesorgt hat. Die meisten Gäste haben mir überhaupt nicht zugehört. An diese Ignoranz hatte ich mich dermaßen gewöhnt, dass es mich total aus dem Konzept brachte, wenn doch mal jemand geklatscht hat.

Hat Sie die Gleichgültigkeit Ihres Publikums wahnsinnig geärgert?

Ach was. Ich habe eher pragmatisch gedacht. Meine Auftritte waren für mich wie bezahlte Übungseinheiten.

Auf dem Weg zum Ruhm?

So ambitioniert war ich nicht. Ich habe mich lediglich von Gig zu Gig gehangelt – ohne großartige Zukunftspläne.

Das Interview führte Dagmar Leischow.