Mit dem Ibiza-Video schien für viele Österreicher ein historischer Tiefpunkt erreicht zu sein: Der spätere Vizekanzler von der FPÖ sinnierte mit einer angeblichen Oligarchen-Nichte über die Übernahme der Kronen-Zeitung. Das Hirngespinst: Die Nichte sollte die Zeitung kaufen, dafür würde sie öffentliche Aufträge erhalten. Zur Ausführung dieses Korruptionsplots kam es allerdings nicht. Nun wird die ganze Welt von einem neuen, noch tieferen Tiefpunkt in Wien überrascht. Die Staatsanwaltschaft führte mit richterlicher Genehmigung im Bundeskanzleramt, der ÖVP-Parteizentrale und im Finanzministerium eine Razzia durch. Der Grund: Bundeskanzler Sebastian Kurz soll mit seiner Clique der Zeitung Österreich Geld aus dem Finanzministerium zugeschoben haben. Die Gegenleistung: Die Zeitung soll Kurzens Vorgänger gestürzt und den 35-jährigen Strahlemann über sehr positive Meinungsumfragen hochgeschrieben haben. Kurz hat, wenn die Vorwürfe stimmen, genau getan, was Strache geplant hatte und weswegen der FPÖ-Mann zurücktreten musste. Kurz trennte sich wegen Ibiza von der Koalition mit der FPÖ, präsentierte sich als unbestechlich und regiert nun mit den Grünen. Diese hatten im Wahlkampf damit geworben, dass sie für Sauberkeit in der Politik eintreten wollten. Das ist allerdings in einer politischen Ehe mit der ÖVP keine leichte Aufgabe: Gegen den Bundeskanzler wurde kürzlich Anklage wegen falscher Zeugenaussage in einem Ausschuss erhoben.

Ebenfalls im Visier der Justiz ist der amtierende Finanzminister. Kurz war vor einigen Jahren aus dem Nichts gekommen und hatte mit seiner freundlichen Art und dem Schwiegermutter-Gesicht bei den Wählern gepunktet. Aus allen bisherigen Krisen war er gestärkt hervorgegangen. Doch seit der Corona-Krise, in der Kurz einen knallharten Kurs fährt, hat sich das geändert. Seit Monaten gibt es immer wieder Demos gegen Kurz. Der neueste Skandal kommt zwar nicht überraschend: In Österreich ist es gängige Praxis, dass die Regierung Medien mit Inseraten „fördert“. Doch Kurz, der heute eher abgehoben und arrogant wirkt, könnte über die jüngste Affäre stolpern. Die Zeitung Standard fragte, ob ein Bundeskanzler auch aus dem Gefängnis heraus regieren könnte. Das kann sich sogar in Österreich aktuell niemand vorstellen.