Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban im Februar 2020 in Brüssel. 
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Berlin -Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban verkündete am Montag überraschend, dass Ungarn seine Grenzen wegen Corona wieder komplett schließen werde. Nur noch Geschäftsreisende und Diplomaten dürfen in das Land einreisen. Auch militärische Transporte und humanitäre Missionen können weiter nach Ungarn, für alle anderen fällt ein unsichtbarer Vorhang. Ungarische Staatsbürger, die sich noch im Ausland aufhalten, müssen sich einer zweiwöchigen Quarantäne unterziehen. Sie können dem Hausarrest entgehen, wenn sie zwei negative Corona-Tests vorlegen. Die Ungarn müssen die Tests selbst bezahlen, weil ihre Reisen von der Regierung als „nicht essenziell notwendig“ eingestuft werden. Orban sagte bei einem Besuch in Slowenien, dass das Wohl der Gemeinschaft für Ungarn an oberster Stelle stehen müsse. Dies bedeute, dass jeder Einzelne seinen Beitrag zu leisten habe. Die Doktrin erinnert an die Diktion, als die Ungarn noch hinter dem Eisernen Vorhang leben mussten.

Orbans Fidesz-Partei ist eine der ältesten ehemaligen Oppositionsparteien im Ostblock. Sie leistete den Kommunisten Widerstand, ihre einzelnen Anführer gingen ein hohes Risiko. Nach seinen wiederholten klaren Wahlsiegen mit Fidesz wurde Orban zu einem Taktgeber für die Staaten in Osteuropa. Auch Polen erwägt nun eine Corona-Grenzschließung. Orban führte den Widerstand gegen die EU-Migrationspolitik an – wobei ihm einige EU-Politiker für seine Politik der geschlossenen Grenzen klammheimlich dankbar waren. Immerhin setzte Orbán den Schutz der EU-Außengrenzen durch.

Auch im Fall der Corona-Maßnahmen spielt der ungarische Politiker die Karte des autoritären Opportunismus: Er schließt die Grenzen, obwohl es in Ungarn in der ganzen Corona-Krise offiziell bisher nur 1763 infizierte Patienten gibt. Orban sagt, die Krankheit werde von den Ausländern eingeschleppt. Das ist konsistent, weil schon bisher für jedes Übel „Fremde“ die Ursache waren. Nun sind es eben nicht nur die Muslime, sondern alle Europäer, die eine Gefahr darstellen. Den europäischen Werten entspricht diese Instrumentalisierung nicht. Für den Ausbau der Wagenburg gegen die „Horden aus dem Osten“ und die „Dekadenten aus dem Westen“ eignet sich die radikale Maßnahme allerdings hervorragend.