Bratislava - Die Ermordung eines slowakischen Enthüllungsjournalisten hat international für Bestürzung gesorgt. Die Leiche des 27-jährigen Jan Kuciak war neben der seiner Freundin Martina Kusnirova in ihrem Haus gefunden worden. Kuciak starb durch eine Kugel in die Brust, seine Partnerin durch einen Kopfschuss. Ministerpräsident Robert Fico und die EU-Spitzen verurteilten die Tat.

Polizeichef Tibor Gaspar vermutete einen Zusammenhang der Tat mit Kuciaks Berichterstattung. Der Reporter hatte wiederholt Fälle von Korruption und mutmaßlichem Steuerbetrug aufgedeckt. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico sprach von einem „beispiellosen Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie in der Slowakei“, sollte Kuciak tatsächlich wegen seiner journalistischen Arbeit ermordet worden sein.

Entsetzen bei Politikern und Verlagen

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker äußerte sich „schockiert“ und verurteilte die „feige Tat. Die Tötung oder Einschüchterung von Journalisten haben keinen Platz in Europa, keinen Platz in einer Demokratie“. Auch der Präsident des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, schrieb auf Twitter, die EU „könne nicht dulden, dass ein Journalist getötet werde, weil er seinen Job macht“. Tajani rief die slowakischen Behörden auf, „gründliche Ermittlungen – bei Bedarf mit internationaler Unterstützung – einzuleiten“.

Kuciak war seit 2015 Redakteur des Nachrichtenportals aktuality.sk, das zu Ringier Axel Springer Slovakia gehört. Die Verlage Springer und Ringier zeigten sich „entsetzt und fassungslos“. Sollte das Attentat ein Versuch zur Unterbindung einer unabhängigen Berichterstattung sein, „werden wir dies zum Anlass nehmen, unseren journalistischen Auftrag noch gewissenhafter und konsequenter auszuüben“, hieß es in einer Mitteilung. Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, erklärte, „zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten“ sei in einem Land der Europäischen Union ein Journalist ermordet worden. Die slowakischen Behörden müssten „jetzt schnell aufklären, wie es zu dieser schockierenden Tat kommen konnte, obwohl Jan Kuciak schon vor Monaten bedroht wurde“. Medienberichten zufolge hatte Kuciak auch über mutmaßliche Verfehlungen von Unternehmern berichtet, die der Partei Smer von Regierungschef Fico nahestehen sollen. Im vergangenen Herbst soll er Drohungen erhalten haben und erstattete daraufhin Anzeige bei der Polizei.

Undurchsichtige Freundschaften, zweifelhafte Machenschaften

„Bisher schien das alles nur wie ein Spiel zwischen Medien und Mächtigen“, schrieb der Publizist Matus Ritomsky am Dienstag in der Tageszeitung „Sme“ und drückte damit die Fassungslosigkeit nach dem Doppelmord aus: „Es war so ein Katz-und-Maus-Spiel: ein paar ausgeplünderte EU-Fonds da, ein paar Mehrwertsteuer-Betrügereien dort.“ Dazu kamen die undurchsichtigen Freundschaften des sozialdemokratischen Innenministers Robert Kalinak mit zweifelhaften Geschäftsleuten und verschiedene Machenschaften von Sponsoren der Regierungspartei Smer als Recherche-Themen hinzu. Die Journalisten enthüllten, die Regierenden dementierten – das war bisher das Szenario der slowakischen Politik. Aber ein Mord an einem Journalisten, das hat eine neue Qualität. Bei allen Kontroversen fühlte sich die Slowakei stets als Teil des demokratischen Mitteleuropa.

Dass so etwas in der Europäischen Union passieren kann, zeigt das Beispiel Malta. Auf der Insel war am 16. Oktober 2017 die regierungskritische Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe getötet worden. Sie schrieb nicht nur über korrupte Politiker, sondern auch über den Einfluss der Mafia und berichtete über die „Panama Papers“. Für den Mord müssen sich drei Männer vor Gericht verantworten. (afp, dpa)