Dierk Koch ist in den 60er-Jahren wegen seiner Homosexualität unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen worden. Die Entschuldigung der Ministerin ist für ihn wichtiger als jede Entschädigung.
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BerlinBundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich am Donnerstagabend bei den schwulen Soldaten entschuldigt, die in der Bundeswehr über Jahrzehnte diskriminiert und kriminalisiert wurden. Sie kündigte an, in Kürze einen Gesetzentwurf vorzulegen, der den betroffenen Soldaten nicht nur die volle Rehabilitation, sondern auch eine finanzielle Entschädigung zuspricht. „Wir werden damit an den Rand des juristisch Machbaren gehen“, sagte die Ministerin bei einer Veranstaltung, auf der eine Studie über den Umgang der Bundeswehr mit homosexuellen Soldaten von den 50er-Jahren bis ins Jahr 2000 vorgestellt wurde.

Wie dieser Umgang aussah, schilderte der ehemalige Marinesoldat Dierk Koch, der 1964 unehrenhaft entlassen wurde, als seine Homosexualität offenbar wurde. Er habe binnen weniger Tage die Kaserne verlassen müssen: „Ich war von einem Moment auf den anderen obdachlos und mittellos“, schilderte er auf einer Podiumsdiskussion im Stauffenberg-Saal des Verteidigungsministeriums. Wenige Wochen später sei er von einem Amtsgericht wegen strafbarer homosexueller Handlungen zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Die Bundeswehr hatte den Fall bei der Justiz angezeigt. Das Urteil sei erst im Jahr 2017 aufgehoben worden, so Koch: „Da hat sich mein Leben neu gestaltet.“ Ihm sei nach 40 Jahre die Last des Urteils abgefallen, „die immer einfach da war“. Er sei der Bundesrepublik dankbar dafür, dass die Diskriminierungen nun aufgearbeitet werden. „Die Entschuldigung der Ministerin ist für mich mehr wert als jede finanzielle Entschädigung.“

Die Studie wurde vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr herausgegeben. Autor Klaus Storkmann hat dafür auch 60 Gespräche mit Zeitzeugen geführt, um über die Dokumente der Bundeswehr hinaus zu recherchieren. „Das hätte sonst eine Schieflage in der Studie gegeben, denn wer kein ‚Problemfall‘ war, wurde von den disziplinarischen Maßnahmen nicht erfasst,“ sagte Storkmann am Donnerstag. Es habe aber sehr viele Betroffene gegeben, die ihre sexuelle Orientierung jahrzehntelang verschwiegen hätten, um ihre Existenz nicht zu gefährden.

Die rechtliche Grundlage für die Diskriminierung von schwulen Soldaten war der Strafgesetzbuch-Paragraph 175. Er wurde erst im Jahr 1994 ersatzlos gestrichen. Die Studie von Storkmann belegt, dass es bis zur Jahrtausendwende massive Schikanen gab. So galt gleichgeschlechtliche Orientierung in der Bundeswehr bis Ende der 90er-Jahre als Sicherheitsrisiko und machte eine Karriere als Offizier oder Unteroffizier unmöglich. Zwar unterlagen ab 1979 auch schwule Männer der Wehrpflicht, da von da an Homosexualität auch bei der Bundeswehr offiziell als eine „Variation von der Norm“ galt, so Storkmann. Doch auch wenn man schwule Männer als wehrdienstfähig betrachtete – von Führungspositionen waren sie grundsätzlich ausgeschlossen.

„Wir dürfen nicht drumherum reden“, sagte die Verteidigungsministerin zu derartig praktizierter doppelter Moral. „Der Umgang mit den betroffenen Soldaten war beschämend und unerhört.“ Für sie markiert das Jahr 2000 eine Kehrtwende. Von da an durften auch Frauen in allen Bereichen der Bundeswehr Dienst tun. Die Truppe musste zwangsläufig diverser werden.

Auch wenn sich vieles verbessert hat – frei von Vorurteilen ist die Bundeswehr deshalb aber immer noch nicht. Das bestätigte der 25-jährige Offiziersanwärter Sven Bäring. Er ist der Vorsitzende von QueerBw, einer Vereinigung, die queere Menschen innerhalb der Bundeswehr vertritt. Er sagte, dass noch immer viele ihre homosexuelle Orientierung lieber verschweigen. Als er mit 18 zu Bundeswehr gegangen sei, habe ihn seine Mutter beschworen, nicht über seine sexuelle Orientierung zu reden. Er habe es dennoch getan, doch vor allem bei den höheren Dienstgraden vermisst er die Offenheit.

„Es gibt 200 Generale und Admiräle bei der Bundeswehr“, so Bäring. „Aber keiner von ihnen bekennt sich zur Homosexualität.“ Er selbst habe in seiner Dienstzeit zweimal Diskriminierungserfahrungen gemacht – und keine Meldung darüber gemacht, weil er nicht gleich zu Beginn seiner Laufbahn Ärger machen wollte. „Ich bereue das im Nachhinein“, sagte er.