Kann man eine Kreuzfahrt heute noch moralisch vertreten?
Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam

MUTTER: Ich habe den Nachbarn lange nicht gesehen. Ich glaube, der ist wieder auf einer Kreuzfahrt.

TOCHTER: Hm, das ist echt nicht meins. Ich habe in einem Artikel in der Zeitung gelesen, dass auf solchen Schiffen 5000 Menschen gleichzeitig an Bord sind. Die fallen dann auch alle gleichzeitig in einer Stadt wie Venedig ein, um die zu besichtigen. Armes Venedig. In dem Artikel stand auch, dass diese Schiffe Massentourismusburgen sind und dass sie ihren Mitarbeitern keinen Mindestlohn zahlen. Das geht, weil sie nicht unter deutscher Flagge fahren, auch wenn es deutsche Schiffe sind. Die Menschen, die auf diesen Schiffen arbeiten, haben auch keine Krankenversicherung. Aber Hauptsache, die Gäste fühlen sich wohl.

Die wissen vielleicht nicht, dass die Leute, die sie bedienen so schlecht bezahlt und behandelt werden.

Ich glaube, es interessiert sie einfach nicht. Diese Perversität regt mich auf. Alles, was man auf so einem Schiff machen kann, kann man auch am Strand in Frankreich oder Italien haben: gutes Essen, den Blick aufs Meer, Entspannung, interessante Städte. Man wird halt nicht bis vor die Tür gekarrt, wenn man was besichtigen will. Auf so einem Schiff gönnen sich die Leute Luxus, aber sie bedenken nicht, dass die Menschen, die ihre Zimmer sauber machen nur 2,50 pro Stunde verdienen.

Das ist aber nicht nur ein Problem von Kreuzfahrtschiffen. Das ist in vielen Luxushotels so.

Es ist aber ein Unterschied, ob das Hotel in Deutschland steht und an deutsche Gesetze gebunden ist oder in Frankreich an französische Gesetze oder ob die Besitzer des Schiffes machen können, was sie wollen.

Wenn du das ernst meinst, darfst du aber auch nicht in Hotels in Ländern fahren, in denen Menschen auf ähnlich Weise ausgebeutet werden.

Ja, dann kann ich nicht in Krisenländer fahren und in Länder, von denen ich weiß, dass sie keinen Mindestlohn haben und sich nicht um Menschenrechte kümmern. Oder, ich mache einfach eine andere Art Urlaub. Ich kann ja auch campen gehen. Ich muss kein Rundum-sorglos-Paket haben mit Pool und Spa. Ich sehe ja auch gar nichts von der Welt, wenn ich in so einem Hotelbunker wohne. Ich finde, das ist grundsätzlich eine merkwürdige Art zu reisen: es sich gut gehen lassen auf dem Rücken anderer. Das ist doch vollkommen selbstsüchtig. Vielleicht sollte man mal ab und zu aus seiner Komfort-Zone rauskommen.

Ich finde ja diese Art zu reisen auch fragwürdig. Man erlebt nichts. Man sitzt auf diesem Dampfer und lässt sich bespaßen. Aber jeder mag etwas anderes, manche mögen eben das. Was mich wirklich an Kreuzfahrtreisen ärgert, ist allerdings die Umweltverschmutzung. Ich kann nicht kapieren, warum für Schiffe nicht die gleichen Abgasregeln gelten wie für Autos. Außerdem macht diese Form von Tourismus Städte kaputt. Wenn sich auf einmal so ein Schiff in eine verhältnismäßig kleine Altstadt entleert und auf einen Schlag 5000 Menschen in diese Stadt einfallen, verändert sich so eine Stadt vollkommen.

Aber die Städte könnten das ja ändern. Sie könnten ihre Häfen sperren oder sie nicht extra ausbauen, damit diese Riesenschiffe da anlegen können. Sie tun es aber nicht, denn die Touristen kaufen ja viel. Sie machen sich lieber selbst kaputt. Für die eigentlichen Bewohner dieser Städte ist es dann natürlich nicht mehr zum Aushalten dort. Das ist auch irgendwie krank.