Berlin - Umkehr und Buße geziemen sich für den Christen; sie anzunehmen, für den Seelsorger. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat demnach als guter Hirte gehandelt: Er akzeptierte die Bitte des hessischen Pfarrers Hendrick Jolie, ihm zu vergeben. Nach vielen Ausflüchen und wochenlangem Zaudern hatte der Geistliche zugeben müssen, Texte für das von anonymen Sektierern und Psychopathen betriebene Hetz-Portal kreuz.net verfasst zu haben.

Der Verfassungsschutz stuft die Website als verfassungswidrig ein. Sie geriet zuletzt in den Blick der Justiz, weil sie verunglimpfende, hämische Beiträge über den verstorbenen Schauspieler Dirk Bach publizierte.

Pfarrer Jolie will eingesehen haben, dass solche Gedanken und Methoden „eines Priesters unwürdig“ sind, so das Bistum, und dass er durch seine Mitwirkung an kreuz.net unklug und unüberlegt gehandelt habe. Nun ist das mit der Reue so eine Sache: Sie ist nur etwas wert, wenn sie glaubwürdig ist. Daran sind in Jolies Fall Zweifel angebracht. Schließlich hat er scheibchenweise immer das zugegeben, was nicht mehr zu bestreiten war.

Den jetzt erklärten „Widerspruch zu christlichem Geist“ und kirchlicher Lehre hätte er im Übrigen längst erkannt haben müssen. Wenn schon nicht an den widerwärtigen Tiraden der Betreiber selbst, so zumindest an der wiederholten, fast schon verzweifelten Distanzierung der Kirchenleitung. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner bestritt kreuz.net schon vor anderthalb Jahren das Label „katholisch“.

„Gottes eigenes Portal“

Die Bischofskonferenz nannte es ihr erklärtes Ziel, „diesem Portal ein rasches Ende zu bereiten“. Aber solche Attacken haben die kreuz.net-Aktivisten noch nie angefochten. Im Gegenteil: Sie höhnten, Satan habe gegen „Gottes eigenes Portal keine Chance“. So schnell werden die „hochwürdigsten Herren Bischöfe“ zu Handlangern des Teufels.

In der Selbstdarstellung firmiert kreuz.net als „europaweit größtes katholisches Portal“. [Bei oberflächlicher Betrachtung liegt damit eine Verbindung zur Kirche nahe – als eine vielleicht krasse, aber halt doch ins Gesamtspektrum gehörige Spielart des Katholischen.] Das ärgert die Bischöfe. Ihr Medien-Beauftragter Gebhard Fürst nennt es inakzeptabel, dass ein unbefangener User den Eindruck gewinnt, kreuz.net sei die Stimme katholischer Christen. „Wir dürfen solchen Portalen mit ihren inakzeptablen Inhalten und ihrer abstoßenden Sprache das Feld nicht überlassen“.

Der Theologe David Berger, der die Kampagne „Stoppt kreuz.net“ koordiniert, hält solche Aussagen allerdings für Lippenbekenntnisse. Die Bischöfe hätten zwar viel gezetert, aber kaum gehandelt, um der Hintermänner von kreuz.net habhaft zu werden. Dies müsse umso mehr erstaunen, als es sich dabei – nach eigener Aussage – um Mitarbeiter im kirchlichen Dienst handelt. Die Bischofskonferenz erklärte noch im Oktober, dafür gebe es keine Anhaltspunkte. Das freilich war schon vor Jolies Enttarnung eine kühne These.

Spätestens seit der Vertrag des Kriminologen Christian Pfeiffer mit der Bischofskonferenz zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals Wort für Wort und mit Angabe der Honorarsumme auf kreuz.net nachzulesen war, musste der Kirchenleitung die Existenz von Maulwürfen und Sympathisanten aus den eigenen Zirkeln klar sein.

Im feigen Schutzmantel der Anonymität

Formal zogen sich die Bischöfe darauf zurück, dass der kreuz.net-Server in Übersee stehe. Damit seien Betreiber und Autoren der kriminellen, menschenverachtenden Artikel weder zu ermitteln noch zu belangen. Die Initiative „Stoppt kreuz.net“ hat aber binnen weniger Wochen eine solche Fülle von juristisch verwertbaren Hinweisen auf kreuz.net-Aktivisten in Österreich und Deutschland gesammelt, dass der „feige Schutzmantel der Anonymität“ (Bischofskonferenz) immer löchriger wird. Hätten das die Bischöfe – wie vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck gefordert – mit eigenen Mitteln nicht auch selbst erreichen können?

Man muss nicht so weit gehen wie der „Spiegel“, der im Verhalten der Kirchenleitung die gleiche Strategie des Wegschauens und Vertuschens wittert wie im Missbrauchsskandal. Doch ganz sicher wird daran die gegenwärtige Misere der katholischen Kirche erkennbar: Sie leidet an zunehmender Polarisierung und Radikalisierung interner Richtungsstreitigkeiten.

Der Fall des Pfarrers Jolie, der ein Portal wie kreuz.net als legitimen Austragungsort des Konflikts betrachtete, ist weniger die peinliche Entgleisung eines Einzelnen als ein Symptom der Krise. Mit gewissen Abstrichen an der Gehässigkeit von Gedanken und Formulierungen findet sich eine erhebliche Zahl „konservativer“ Katholiken in Jolies Kampf gegen Sittenverfall, Liberalisierung und „Protestantisierung“ ihrer Kirche wieder. Das wissen auch die Bischöfe. Durch ihre Reihen laufen die gleichen Frontlinien und Risse. Ganz ohne Buße und Reue.