Tel Aviv - Tel Aviv hatte gerade erst wieder zu Leben angefangen. Also so richtig. Nach über einem Jahr Pandemie, geschlossenen Restaurants, Bars und einer Stimmung wie bei einem SPD-Parteitag, blühte die Stadt wieder auf. Mehr als die Hälfte der israelischen Bürger war geimpft, Tel Aviv stieg nach einem Jahr Pause wie Phoenix aus der Asche. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Tanz im März, in der leicht prolligen Dizi Bar – es war ja alles voll und nur da war es meinen Freundinnen und mir gelungen, immerhin eine kleine Tischecke zu ergattern.

Ich stand mitten auf der Tanzfläche, aus den Boxen kam die sexy Stimme von Noa Kirel und fuhr uns in die Glieder. Ich umarmte wildfremde Leute. Unsere Gesichter in tiefe Glückseligkeit getaucht. Und ein bisschen auch in Erstaunen. Hatten wir es wirklich geschafft? War dieser Albtraum nun wirklich vorbei? In den Armen eines Mädchens namens Ofri, wir kannten uns seit zwei Minuten und sie kannte jede Liedzeile von Noa Kirels „Bling Bling“ auswendig, fühlte ich dieses Corona-Jahr von mir abfallen.

Diese vielen Lockdowns, dieses in einer kleinen Tel Aviver Wohnung gefangen zu sein, mit zwei kleinen Kindern ohne Schule, ohne Kita. Diese Hilflosigkeit, nicht zu meiner Familie nach Deutschland zu kommen, diese ganzen vielen Tage, Wochen, Monate – Zeit, von der man das Gefühl hatte, sie niemals wiederzubekommen. Diese Momente, in denen ich selbst meinen Mann hasste, weil er, egal wohin ich mich in unseren vier Wänden drehte, schon da war und ich nirgendwo in Ruhe denken konnte.

Kat Kaufmann
Katharina Höftmann Ciobotaru

Katharina Höftmann Ciobotaru wurde 1984 in Rostock geboren, studierte in Berlin Psychologie und Deutsch-Jüdische Geschichte. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes im Bereich Wissenschafts- und Auslandsjournalismus und arbeitet heute als Schriftstellerin und freischaffende Journalistin. Ihre Kolumnen aus der Welt, „Guten Morgen, Tel Aviv“, erschienen 2011 im Heyne-Verlag, ihre Tel Aviver Kriminalromane bei Aufbau. Gerade veröffentlichte sie ihren ersten literarischen Roman „Alef“ im Ecco-Verlag. Katharina Höftmann Ciobotaru ist deutsche und israelische Staatsbürgerin und lebt seit elf Jahren mit ihrem israelischen Mann in Tel Aviv. Ihre Kinder sind sieben und vier Jahre alt.

Das alles verstummte im Klang der Musik, verpuffte in der Hitze der Tanzfläche, verdampfte im heißen Atem von Ofri, mir und all den anderen. Ich riss die Arme hoch und tanzte weiter. Mein erster Roman „Alef“ war gerade erschienen, die Kinder gingen wieder in Kita und Schule, mein Mann wieder ins Büro, bald würden wir nach Berlin fliegen, zu meiner Familie, meiner besten Freundin, ich fühlte mich ganz und gar hoffnungsvoll. Wir haben unser Leben wieder, schrie ich meine Freundinnen an, den Wodka Sour in meiner tanzenden Hand. Wir haben unser Leben wieder! Denn wenn Tel Aviv eins kann, dann ist das Leben.

Wir lebten zwei Monate lang. Zwei Monate Rausch. Zwei Monate Party, jeden Abend. Volle Bars, volle Restaurants, volle Strände, volle Straßen, volle Herzen. Wir gingen wieder auf Konzerte, in Museen, Theater und Clubs. Feierten riesige Kindergeburtstage, bei denen sich alle Eltern zum Abschied umarmten. Der Himmel war blau, die Freiheit zurück. Dann kam der 11. Mai. Dann kam der Krieg.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass Dinge hier im Nahen Osten manchmal sehr schnell, sehr schlimm eskalieren. Aber der Abend des 11. Mai war trotzdem anders.

Katharina Höftmann Ciobotaru, Schriftstellerin

Mit dem Krieg ist das so eine Sache. Wir kennen den Krieg, mit seinen vielen verschiedenen Gesichtern. Manche in Tel Aviv kennen ihn mit Angst vor Giftgas-bestückten Scud-Raketen, manche sogar noch von 1948, als  Israel zum ersten Mal um seine Existenz kämpfte. Ich selbst komme seit fast 16 Jahren regelmäßig hierher, seit elf Jahren lebe ich komplett in Tel Aviv und dementsprechend habe auch ich schon so einige Kriege und Raketenangriffe mitgemacht. Ich bin Terroranschlägen, ob in unserer Straße oder an einer Jerusalemer Bushaltestelle, manchmal mit nur wenigen Minuten Zeitunterschied davongekommen. Ich weiß, dass ich mit meinen Kindern niemals zu dicht an der Kreuzung stehen darf, für den Fall, dass ein Terrorist mit seinem Auto in eine Menschenmenge rasen will. Ich weiß, dass ich an großen Einkaufszentren meine Tasche vor bewaffnetem Sicherheitspersonal öffnen muss und dass ein herrenloser Rucksack der Polizei gemeldet wird. Ich habe mich an die gelegentlichen Raketenalarme der letzten Jahre gewöhnt und auch daran, dass Dinge hier im Nahen Osten manchmal sehr schnell, sehr schlimm eskalieren. Aber der Abend des 11. Mai war trotzdem anders.

Als wir gegen 21 Uhr in den Bunkerraum liefen, in dem unsere Kinder bereits schliefen (nicht aus besonderer Vorsicht, sondern, weil wir diesen Raum immer schon als Kinderschlafzimmer nutzen), war das so weit so normal. Wir schlossen das Metall, das uns vor dem Einschlag einer Rakete schützen sollte und warteten auf das Boom-Geräusch, das die Zerstörung der Rakete durch den Iron Dome besiegelte. Mein Puls war etwas höher als sonst, aber nicht besorgniserregend.

Eine halbe Stunde später hörte ich mich selbst das Schma Jisrael beten und hatte Todesangst. Ich fühlte die Welle der Panikattacke in mir aufsteigen und einzig der Gedanke daran, dass die Kinder schlafen, hielt mich vom Schreien ab. Innerhalb dieser dreißig Minuten hatte die Hamas Hunderte Raketen gleichzeitig auf unsere Stadt des Lebens geschossen und die Stadt, sie zitterte am ganzen Körper. Der Lärm, die Druckwellen, der Raketenalarm, eine Sirene, die immer nur kurz aussetzte, als müsste sie Luft holen, um kurz danach umso lauter weiterzuheulen, hatten Tel Aviv jetzt ganz und gar in ihrer Gewalt.

Ich werde dieses Gefühl, dort in diesem stickigen, stockdüsteren Raum, das ganze Haus am Wackeln, neben mir meine schlafenden Kinder (gesegnet sei ihr tiefer Schlaf), vor mir mein mich beruhigender Mann und in mir eine unmenschliche Angst, niemals vergessen. Ich war getroffen. Tel Aviv war getroffen. Nein, nicht von Raketen, denn zumindest hier in unserer Stadt hatte das Raketenabwehrschild trotz der unfassbaren Menge an Geschossen alle Gefahren neutralisiert, sondern von dem unheimlichen Gefühl, dass wir uns hier in unserer israelischen Bubble, der bestgeschützten Stadt des Landes, vielleicht viel zu sicher gefühlt hatten.

Nur meine Freundin Shira rief betrunken ins Telefon: „Wir gehen jetzt noch ins Peacock, komm vorbei, wir stehen das zusammen durch.“

Katharina Höftmann Ciobotaru

Als der Albtraum irgendwann, zumindest für ein paar Stunden, vorbei war, taumelten wir aus dem Bunker und sahen uns fassungslos im Wohnzimmer an. Mein Mann ist 1977 in Haifa geboren und hat seitdem jeden großen Krieg miterlebt, viele davon aktiv in der Armee. Auch er war blass. „Wow“, er holte Luft, „so schlimm war es seit dem Golfkrieg nicht.“ Wir hingen einen Moment lang unseren Gedanken nach und erst dann fiel mir ein, was ich normalerweise in solchen Momenten sofort tat. Ich fing an, meine Freundinnen zu kontaktieren. Bis auf zwei hatten alle in Treppenhäusern oder Bunkern gesessen. Wir stimmten alle überein, dass diese Angriffe in ihrer Intensität neu waren. Nur meine Freundin Shira rief betrunken ins Telefon: „Wir gehen jetzt noch ins Peacock, komm vorbei, wir stehen das zusammen durch.“ 

Ich ging in keine Bar. Stattdessen legte ich mich zurück ins Bunkerzimmer und lauschte den schmatzenden Schlafgeräuschen meiner Kinder. Solange bis nachts um drei die nächsten Angriffe kamen. Nicht ganz so schlimm wie am Abend, aber immerhin schlimm genug, dass die Kinder dieses Mal wach wurden. Und schlimm genug, dass mein großer Sohn (groß?! – er ist sieben!), nach mehreren Nachfragen wie: „Warum schießen die auf uns?“ und „Schießt der Iron Dome auch wirklich alle Raketen ab?“ und nachdem ich ihm erklärte, dass auch in Gaza jetzt Kinder voller Angst im Dunklen sitzen, schließlich zu uns sagte: „Mama, Aba, könnt ihr euch bitte auf mich drauflegen?“

Am nächsten Morgen roch unsere ganze Stadt des Lebens nach Rauch und lag wie ausgestorben da. Wir wohnen in einer Dachwohnung mitten auf der Dizengoff, sonst eine der belebtesten Straßen der Stadt. Voller Cafés, Boutiquen und Bars, voller Baustellen (wir bekommen gerade einen Fahrradweg) und E-Rollern und Motorrollern und Menschen. Es fuhren vielleicht noch ein paar Busse – das war’s. Totenstille.

Kein Kind ging in die Schule, nur wenige Erwachsene zur Arbeit. Ein bisschen wie Corona, damals, als wir um Pessach 2020 rum nicht weiter als 100 Meter von unseren Wohnungen wegdurften. Überhaupt erinnerte mich das alles an Corona. Corona mit Raketen. Man lebt so sein Leben. Mit Arbeit und Kindern, die in eine Einrichtung gehen von acht bis vier und man sitzt abends auf Restaurantterrassen und trinkt zu warmen Weißwein. Und dann ist das plötzlich vorbei und man kann gar nicht mehr fassen, dass man all das mal als selbstverständlich hingenommen hat. So ist es jetzt auch wieder. Nur dass dieses Mal die Todesangst dazukommt. Ich wollte mich auch nicht mit Corona infizieren, aber da hatte man wenigstens das Gefühl einer Chance. Wenn so eine Rakete dein Haus trifft, dann kannst du nur noch hoffen, dass du schnell stirbst.

Und noch eine andere Hiobsbotschaft erreichte uns am Morgen danach: In Akko und mehreren anderen gemischten Städten im Land war es zu gewalttätigen Ausschreitungen von arabischen Israelis gegen Juden und vereinzelt auch umgekehrt gekommen. In Akko waren Restaurant und Hotel des im ganzen Land für seinen Rauschebart bekannten Uri Buri abgebrannt worden. Ich kenne Uri Buri. Er ist wirklich einer der inspirierendsten Menschen, die ich je getroffen habe. Ich kenne niemanden, der so viele spannende Geschichten erzählen kann, niemanden, der so sehr an unser jüdisch-arabisches Zusammenleben glaubt. Dass wir uns nun auch innerhalb Israels bekämpfen sollten, war neu. Die Feinde, die Feinde waren bisher immer draußen gewesen. Nun gab es bürgerkriegsähnliche Zustände in gemischten Städten wie Lod, Ramle, ja sogar Haifa und Jaffa. Eine unheimliche Stimmung lag plötzlich in der Luft. Meine Freund:innen in Jaffa gingen nicht mehr vor die Tür.

Ich beneidete die Menschen, die in sozialen Medien große Reden zu Israel und Palästina schwangen, aus der Sicherheit ihrer Häuser in Berlin oder Hollywood heraus.

Katharina Höftmann Ciobotaru

Ich verlegte mein Leben nach Instagram. Postete aus unserem Bunker, nachts, wenn der Raketenalarm heult. Kurze Dialoge wie „Ich will nur hören, dass da nichts ist. – Da ist nichts, hörst du?“ Und auch „Möge G-tt uns beschützen, habe ich gerade einer Freundin geschrieben. Ich schwöre, ich werde hier noch voll religiös mit dieser Angst im Dunkeln. Neuer Raketenalarm während ich schreibe.“ Ich beneidete die Menschen, die in sozialen Medien große Reden zu Israel und Palästina schwangen, aus der Sicherheit ihrer Häuser in Berlin oder Hollywood heraus ihre kleinen Memes teilten. Denn die meisten von ihnen haben noch nie nachts um drei in einem dunklen Bunkerraum gesessen, eine kleine schwitzige Kinderhand in der eigenen. Sie haben ihren Kindern noch nie erklären müssen, dass es da, ganz in der Nähe, nur 92 Kilometer entfernt, Menschen gibt, die Raketen auf sie schießen, um sie, ja, zu töten, während der eigene Körper so sehr zittert, dass man sich am liebsten in zehn Decken einwickeln würde.

Ich kriege auf meine Instagram-Stories hin aber auch viele, viele mitfühlende Nachrichten. Einer, aus Berlin, schreibt: „Ich beneide dich trotz der aktuellen Situation sehr. Wir waren schon seit fast zwei Jahren nicht mehr in Israel bei der Familie und ich vermisse das Land wahnsinnig.“ Das klingt vielleicht absurd, aber ich verstehe sofort, was er meint. Ich würde Israel, Tel Aviv auch furchtbar vermissen. Ich liebe diese Stadt. Ich liebe, wie sie alles ganz oder gar nicht macht. Ich liebe, wie sie uns uns selbst sein lässt. Wie sie klingt, wie sie stinkt, und wie sie sich immer wieder das Leben erringt. Mit diesem Gefühl stecke ich mein Telefon schließlich in die Tasche. Ich schließe die Wohnungstür hinter mir und laufe auf die Dizengoff, wo ein paar Boutiquen schon wieder geöffnet haben. Die Eisdiele neben unserem Haus ist sogar proppenvoll.

Das hier ist immer noch unsere Stadt des Lebens. Also lasst uns leben.