Moskau/Kiew - Auf Hunderte Getötete schätzt der Moskauer Bürgerrechtler Sergej Kriwenko die Verluste des russischen Militärs im Kriegsgebiet Ostukraine. „Es sind wohl sogar um die etwa 1.000 Tote. Es könnten auch mehr sein“, meint der Mitarbeiter der renommierten Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau.

Genaue Zahlen hat er nicht. Viele Soldaten seien unter den Toten. Er selbst kennt viele Fälle von russischen Militärangehörigen, die in den von der Ukraine abtrünnigen Gebieten Luhansk und Donezk kämpften, dort ums Leben kamen oder in Gefangenschaft gerieten.

Vorgehen aus Sowjetzeiten

Erst unlängst besuchte Kriwenko in Kiew zwei gefasste Russen. Der mutmaßliche Hauptmann Jewgeni Jerofejew und der Unterfeldwebel Alexander Alexandrow erzählten Kriwenko demnach, sie seien für den russischen Militärgeheimdienst GRU in der Ukraine im Einsatz gewesen. Doch das russische Verteidigungsministerium betont, die beiden stünden nicht mehr im Staatsdienst. Eine Verantwortung für die Männer weist die russische Führung ebenso zurück - wie insgesamt die ukrainischen Vorwürfe, dass dort reguläre Soldaten im Einsatz seien.

Der Memorial-Experte Kriwenko betont, dass es sich bei den von Moskau offiziell dementierten Kampfeinsätzen um ein schon zu Sowjetzeiten praktiziertes Vorgehen handele. Bereits zu kommunistischen Zeiten habe Moskau international in Konfliktgebieten Soldaten eingesetzt, um eigene Interessen durchzusetzen. Die Militärangehörigen würden ohne persönliche Gegenstände in den Donbass geschickt. Im Fall einer Gefangennahme oder bei Tod sei es dann schwierig, die Identität oder den Dienstherrn nachzuweisen, sagt er.

Kriwenko schätzt die Zahl der Soldaten auf 5.000 bis 6.000. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko spricht zu unterschiedlichen Zeiten von 8.000, bisweilen sogar von bis zu 11.000 russischen Soldaten im Donbass. Auch diese Zahlen hält Kriwenko für denkbar. Als Beleg hatte Kiew mehrfach Wehrdienstausweise und Pässe präsentiert. Doch wie die Ukraine auf die hohen Zahlen kommt, ist Staatsgeheimnis. Die Gesamtstärke der Separatisten schätzt das Land auf 42.000 Mann.

Putin bestreitet Anwesenheit von Soldaten

Zwar ist seit langem bekannt, dass im Osten der Ukraine Freiwillige aus Russland kämpfen. Daraus machen weder der Kreml noch die prorussischen Separatisten einen Hehl. Bestritten wird aber, dass es einen Marschbefehl für Militärangehörige gebe. „Es gibt keine russischen Soldaten in der Ukraine“, sagte Präsident Wladimir Putin erst unlängst mit Nachdruck in einer metallisch klirrenden Stimmlage. Auf die Frage, woher die Separatisten die ganzen schweren Waffen hätten, antwortet Putin, dass Kriegsparteien es schon immer und überall auf der Welt verstanden hätten, sich zu versorgen.

Bei dem Konflikt starben seit dem Frühjahr 2014 Schätzungen zufolge schon mehr als 6.000 Menschen. Nun soll zwar die Militärtechnik endlich gemäß dem Friedensplan von Minsk von der Front abgezogen werden. Aus dem Konfliktgebiet verschwinden werden sie aber auch dann nicht.

Kritik von Moskauer Opposition

Ohne eine massive Unterstützung von russischer Seite mit Technik und Kämpfern hätten die Separatisten nie so weit kommen können, stellte die Moskauer Opposition im Frühjahr im Bericht „Putin. Krieg“ fest. Autoren um den im Februar ermordeten Oppositionsführer und früheren Vize-Regierungschef Boris Nemzow hatten mit vielen gesammelten Daten der öffentlichen Linie widersprochen.

„Reguläre Einheiten der russischen Armee haben in Vielem die Kampferfolge der Separatisten im Osten der Ukraine vorausbestimmt“, heißt es in dem Papier. Seit langem fordern Kriegsgegner, die Grenze zwischen der Ukraine und Russland zu schließen, um das Einsickern von Technik und Personal zu beenden. Doch in Sicht ist das nicht.

Einschließlich der Ausgaben für die Aufnahme von Hunderttausenden Flüchtlingen habe Russland der Krieg in der Ostukraine rund 80 Milliarden Rubel (rund 1,3 Milliarden Euro) gekostet, heißt es im Nemzow-Bericht. Doch der Schaden für jeden Russen sei viel größer. Die Kosten der Konfrontation mit der Ukraine - einschließlich der Sanktionen - hätten zu Preissteigerungen und einem Rubelverfall geführt. Durch Inflation hätten die Russen etwa 2 Trillionen Rubel Gehalt und 750 Milliarden Rubel Ersparnisse eingebüßt, meinen die Autoren. Der Kreml ließ den Nemzow-Bericht bis heute unkommentiert. (dpa)