Kiew - Die Nato-Regierungen haben das militärische Vorgehen Russlands auf der Krim und eine mögliche Militäraktion in der Ukraine scharf verurteilt. „Ein militärisches Vorgehen der Streitkräfte Russlands gegen die Ukraine ist ein Bruch des internationalen Rechts“, sagte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen am Sonntagabend nach einer Krisensitzung des Nato-Rates in Brüssel. „Wir fordern Russland auf, die Spannungen zu verringern.“ In einer Erklärung des Nato-Rates heißt es, die Nato stehe auf Seiten der Ukraine als „einem geschätzten Partner“.

Russland Präsident Wladimir Putin hat die von ihm ergriffenen Maßnahmen in der Ukraine in einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel als angemessen bezeichnet, wie die Agentur Ria unter Berufung auf das Präsidialamt meldet.

Die Ukraine entlässt den Kommandeur der Marine und wirft ihm Hochverrat vor. Er habe sich geweigert, gegen die Russen zu kämpfen und das Hauptquartier in Sewastopol aufgegeben, teilte der stellvertretende Sekretär des Sicherheitsrates der Ukraine mit.

Die Außenminister der 28 EU-Staaten beraten am Montag über die Lage in der Ukraine. Bei dem Sondertreffen der Minister soll über mögliche Antworten der Europäischen Union auf russische Militäraktionen vor allem auf der zur Ukraine gehörenden Halbinsel Krim gesprochen werden. Diplomaten sagten, die Außenminister wollten Russlands Präsidenten Wladimir Putin erneut auffordern, auf einen groß angelegten Militäreinsatz zu verzichten.

Der Chef der ukrainischen Marine hat der prorussischen Regionalregierung auf der Halbinsel Krim seine Gefolgschaft zugesagt. Dies gab Admiral Denis Beresowski am Sonntagabend persönlich auf einer Pressekonferenz im Hauptquartier der russischen Schwarzmeerflotte auf der Krim bekannt. Er war erst am Freitag vom neuen ukrainischen Übergangs-Präsidenten Alexander Turtschinow zum Kommandeur der Marine ernannt worden.

Die Ukraine fürchtet angesichts der Besetzung der Halbinsel Krim durch russische Truppen einen Krieg mit seinem übermächtigen Nachbarland und bittet die Nato um militärischen Beistand. „Wir stehen am Rande einer Katastrophe“, sagte der amtierende Ministerpräsident Arseni Jazenjuk am Sonntag.

Unterdessen hat die Polizei in Moskau bei Protesten gegen einen möglichen russischen Militäreinsatz in der Ukraine mehr als 300 Gegner von Kremlchef Wladimir Putin festgenommen. „Hände weg von der Ukraine!“ und „Krieg Putin, Frieden den Menschen!“ skandierten die Demonstranten am Sonntag, wie das regierungskritische Internetportal kasparov.ru berichtete.

Der Sicherheitsrat in Kiew versetzte die Armee in höchste Alarmbereitschaft und mobilisierte alle Reservisten. Der Luftraum wurde für Militärflugzeuge gesperrt. Das Parlament rief das Ausland auf, internationale Beobachter zu entsenden und Hilfe beim Schutz der Nuklearanlagen zu leisten.

Obama fordert Truppenabzug

In der schärfsten Konfrontation zwischen Russland und dem Westen seit Ende des kalten Krieges warf US-Präsident Barack Obama seinem Kollegen Wladimir Putin in einem 90-minütigen Telefonat die Verletzung der ukrainischen Souveränität und des Völkerrechts vor. Die USA forderten Russland zum Truppenabzug auf und sprachen sich für den sofortigen Einsatz internationaler Beobachter aus. Putin kündigte an, Russland werde seine Interessen im Osten der Ukraine und auf der Krim verteidigen. Das westliche Verteidigungsbündnis Nato will noch am Sonntag zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Auf der russisch geprägten Halbinsel gab es am Sonntagmorgen keinerlei Anzeichen für eine Entspannung. Russische Kräfte entwaffneten nach Angaben der Agentur Interfax einen Radar- und Trainingsstützpunkt der Marine und forderten die dort stationierten Soldaten dazu auf, sich auf die Seite der „rechtmäßigen“ Führung der Krim zu schlagen. Zudem berichtete der Gouverneur der russischen Region Belgorod, Jewgeni Sawtschenko, von dem Versuch bewaffneter Gruppen, am Samstag die Verbindungsstraße zwischen Moskau und der Krim an der russisch-ukrainischen Grenze zu blockieren. „Bewaffnete Leute streifen in der Gegend umher ... das ist wirklich sehr beunruhigend“, erklärte Sawtschenko.

Putin ließ sich am Samstag vom Parlament die Entsendung russischer Soldaten in das Nachbarland genehmigen. Angehörige der russischen Schwarzmeerflotte, die auf der Krim stationiert ist, bewachen inzwischen gemeinsam mit Sicherheitskräften der autonomen Teilrepublik wichtige Gebäude, wie der pro-russische Regierungschef der Krim, Sergej Axjonow, mitteilte. Putin begründete einen möglichen Militäreinsatz mit einer lebensbedrohlichen Lage für Russen und die Angehörigen der russischen Streitkräfte in der Ukraine. Auf der Krim stellen ethnische Russen die Bevölkerungsmehrheit.

Nach ukrainischen Angaben hat Russland zuletzt 6000 Soldaten auf die Krim verlegt. Die Regierung in Kiew versetzte ihrerseits die Streitkräfte in volle Kampfbereitschaft und forderte Russland auf, Bewegungen des Militärs sofort einzustellen. Der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk warnte Russland, dass eine militärische Intervention zwangsläufig zu einem Krieg führe. (rtr, afp)