"Wir haben uns im Guten getrennt, sagt Anna Maria Sturm. Sie sitzt auf der Terrasse eines Münchner Cafés und erzählt, warum sie sich gegen die Sicherheit und das Prestige einer öffentlich-rechtlichen Ermittler-Rolle entschieden hat. Und weil der Himmel beeindruckend blau und die Luft erstaunlich warm ist an diesem Tag, müsste man schon sehr griesgrämig sein, um sich von ihrer Zuversicht nicht anstecken zu lassen. Deswegen klingt ihre Trennung vom Münchner „Polizeiruf“ völlig nachvollziehbar, obwohl es natürlich, an einem trüben Regentag betrachtet, eine durchaus riskante Entscheidung ist. Eine, die gut zu ihr passt.

Seit 2011 ist Anna Maria Sturm die Assistentin von Matthias Brandt im viel gelobten Münchner „Polizeiruf“. Die nächste Folge, die im Sommer ausgestrahlt wird, wird ihre letzte sein und den Abschied thematisieren. Ihre Figur stirbt nicht, weshalb Sturm irgendwann noch mal für eine Episode zurückkehren könnte, man geht ja im Guten auseinander.

Sie verzichtet auf die finanzielle Sicherheit, die zwei Folgen „Polizeiruf“ pro Jahr bedeuten. Ihr gehe es darum, wieder mehr Freiheit zu gewinnen, sagt sie. „Dafür musste ich auch Opfer bringen.“ Sie sei stolz auf ihre Zeit beim „Polizeiruf“, habe tolle Regisseure kennengelernt und wichtige Erfahrungen gesammelt. „Aber irgendwann kommt einem der Gedanke: Mache ich das jetzt die nächsten zehn Jahre?“

Sie will vor allem weg von ihrem bisherigen Rollenprofil. Vor der Rolle als „Polizeiruf“-Ermittlerin kannte man die 30-Jährige durch Marcus H. Rosenmüllers Kinofilme „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“. Sie kam damals frisch von der Schauspielschule und sah sich eigentlich am Theater. Das änderte sich, als Rosenmüller sie auswählte, die Hauptrolle der Kati in seiner Trilogie über das Erwachsenwerden in der bayerischen Provinz zu spielen.

Wie auch in anderen Rollen, die sie seither verköpert hat, überzeugte Sturm mit der Intensität ihrer Darstellung. Der Regisseur Hans Steinbichler sagte über Anna Maria Sturm einmal, sie komme als Schauspielerin ganz stark über ihr Gefühl. „Sie holt die Empfindungen ganz tief aus sich heraus, deswegen schaut man ihr so wahnsinnig gerne zu.“

Zwei Explosionen im Labor

Die Rosenmüller-Filme waren Fluch und Segen zugleich: Sie brachten ihr Popularität, allerdings war sie fortan auf das Rollenprofil „bayerisches Mädel vom Land“ abonniert, zumindest sehen so viele Angebote aus, die sie erhält. Meistens lehnt sie dankend ab. „Mich langweilt das“, sagt Anna Maria Sturm, „ich bin ja auch Schauspielerin geworden, um Rollen zu spielen, die mir fern liegen, die mir nicht leicht fallen.“ Als die guten Angebote für eine gewisse Zeit ausblieben, kellnerte sie in einer Münchner Bar. Das war ihr immer noch lieber, als für alle Ewigkeit in der Schublade „bayerisch“ eingesperrt zu sein.

Schon nach den Rosenmüller-Filmen bemühte sie sich, dieses Image hinter sich zu lassen. Als sie 2010 die Zusage einer Berliner Bühne erhält, zieht sie in die Hauptstadt. Das Engagement sagt sie jedoch im letzten Moment ab, als die Zusage für den „Polizeiruf“ kommt. Eine Entscheidung, mit der sie bis heute hadert. Seither pendelt Sturm zwischen ihrer Berliner WG und Bayern, wo sie all ihre Aufträge hinführen, ob vor der Kamera oder auf der Bühne der Münchner Kammerspiele. Berlin sei ihr sehr wichtig geworden, sagt sie und klingt immer noch sehr begeistert von der Stadt, die sie einst so einschüchterte.

Aufgewachsen ist sie in Schwandorf bei Regensburg, die Mutter Umwelt-Aktivistin und Grünen-Politikerin, der Vater Pharma-Referent. Ihre Leidenschaft für die Schauspielerei entdeckte sie mit 17. Nach der Zusage für die Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München hatte sie noch ein Jahr Zeit, in dem sie Pharmazie studierte. In Schwandorf gab es damals eine Apotheke, die seit langem in Familienbesitz ist, für die ihr Onkel aber keinen Nachfolger fand.

Sturm bemühte sich in diesem Jahr an der Uni, „weil so eine Chance wie die Apotheke hat man ja auch nur einmal im Leben“. Sie weinte häufig, weil das Studium schwer war und ihr nicht lag. Im Labor löste sie zwei Explosionen aus, zog sich eine Verbrennung und eine Prellung zu. „Nach diesem Jahr war klar: Das ist nichts für mich“, sagt sie heute.

Der Abschied vom Münchner „Polizeiruf“ ist nun schon wieder so eine Entscheidung: Selbstverwirklichung statt Sicherheit. Sie wirkt mit sich im Reinen. „Ich habe einfach Angst, mein ganzes Leben nur auf dieses eine Rollenprofil beschränkt zu werden.“

In der Komödie „Familie Sonntag auf Abwegen“, die das ZDF am heutigen Donnerstag ausstrahlt und die lustiger ist, als der alberne Titel vermuten lässt, spielt sie nun ausgerechnet wieder eine junge Frau aus Bayern. Wobei die Geschichte um eine Familie, in der alle irgendwie aus der Spur geraten, auch in jedem anderen Bundesland spielen könnte, von den schönen Aufnahmen rund um den Ammersee mal abgesehen.

Ende des Jahres soll endlich auch „Beste Chance“, der dritte Teil der Rosenmüller-Trilogie, gedreht werden. Wieder eine bayerische Rolle, aber eben eine besondere. Anna Maria Sturm fühlt sich ihrer Heimat sehr verbunden. Aber sie würde so wahnsinnig gern auch mal in Berlin drehen, sagt sie. „Oder zumindest mit Berliner Schauspielern.“