Malerisch: Der Ort Seewen in der Schweiz. Hier ereignete sich das Verbrechen.

BerlinDort, wo einst das „Waldeggli“ stand, das kleine Wochenendhäuschen der Familie Siegrist, erinnert heute kaum noch etwas an eines der grausigsten und rätselhaftesten Verbrechen der Schweiz. Lediglich ein paar kleine Fundamentreste, auf denen die einfache Holzhütte ruhte, kann man noch im Unterholz entdecken. Ringsum ragen Bäume empor, die Natur hat sich den Ort zurückgeholt. Denn von den Einwohnern aus dem nahen Seewen zieht es niemanden hier hoch an den Waldrand, seit am 5. Juni 1976 ein unbekannter Täter fünf Mitglieder der Familie Siegrist im „Waldeggli“ erschoss.

Der Mordfall von Seewen, das rund 20 Kilometer südlich von Basel im Kanton Solothurn liegt, gilt als eines der spektakulärsten Verbrechen der Kriminalgeschichte. Und das nicht nur wegen der Begehungsweise der Tat und der Opferzahl, sondern vor allem wegen des ungeklärten Motivs. In Artikeln, Filmen und Büchern wird daher bis heute über die Hintergründe des Falls kräftig spekuliert: War es Rache, ein Beziehungsdrama oder ein Familienstreit, steckte der DDR-Staatssicherheitsdienst dahinter oder eine kriminelle Organisation, waren es gar alte Nazi-Seilschaften, die einen seit Kriegsende versteckten Schatz vor seiner Entdeckung bewahren müssen?

Am Vormittag des 6. Juni 1976 hatte die Polizei die Leichen entdeckt. Auf der kleinen Holzterrasse des Hauses lag in einem Teppich eingerollt die 62-jährige Elsa Siegrist, die mit zwei Kopfschüssen getötet worden war. Ihren ein Jahr älteren Mann Eugen fanden die Beamten im Inneren der Hütte, direkt neben der Leiche seiner 80-jährigen Schwester Anna Siegrist-Westhäuser. Auch diese beiden Leichen wiesen Kopfschüsse auf. In einem kleinen Abstellraum des Häuschens stieß die Polizei schließlich noch auf die toten Söhne der 80-Jährigen, Emanuel (52) und Max (49). Sie waren von mehreren Kugeln in Kopf und Brust getroffen worden.

Insgesamt hatte der Täter 13 Schüsse aus nächster Nähe und von vorn auf die fünf Opfer abgefeuert. Er hatte sie – das ergab die Obduktion – am Nachmittag des 5. Juni, einem Sonnabend, außerhalb des Häuschens ermordet und ihre Leichen anschließend zur Hütte geschleift. Seltsam: Es gab keine Spuren, die darauf hindeuteten, dass die Opfer sich gewehrt hatten oder zu fliehen versuchten.

Der 30-köpfigen Sonderkommission der Polizei gelang es trotz intensiver Ermittlungen nicht, Licht ins Dunkel des Verbrechens zu bringen. Dabei wurden über 9000 Hinweise überprüft, fast 10.000 Personen befragt, 3000 Gewehre vom Tatwaffentyp Winchester untersucht, 27 Wohnungen durchsucht, 21 Tatverdächtige durchleuchtet. Die Polizei hob sogar das „Waldeggli“ von seinen Fundamenten und ließ es in einer Lagerhalle genauestens auf Spuren analysieren – vergeblich.

Auch das Motiv des Täters fand die Polizei nicht heraus. Dabei war man durchaus auf Auffälligkeiten gestoßen, als man die ermordeten Familienmitglieder genauer unter die Lupe nahm. So hatte man sowohl im „Waldeggli“ als auch in der Wohnung von Anna Siegrist-Westhäuser NS-Devotionalien gefunden; in der Villa der 80-Jährigen soll sogar ein Porträt von Adolf Hitler über dem Bett gehangen haben. Die Schweizerin hatte in den 1920er Jahren in Berlin gelebt und einen deutschen Mann geheiratet, der als Nationalsozialist bekannt war.

Im Leben ihres Bruders, des „Waldeggli“-Besitzers Eugen Siegrist, gab es ebenfalls Merkwürdigkeiten. Der Mann hatte regelmäßig die Familie verlassen und war für ein, zwei Stunden weggefahren – wohin, war nicht herauszufinden. Am Tag vor dem Mord hatte er laut Zeugen an seiner Arbeitsstelle einen Anruf von einer Person namens Claire, Clara oder Clerc erhalten und war danach wieder für zwei Stunden verschwunden. Steckte eine Liebesaffäre dahinter? Oder traf sich Eugen Siegrist mit einer Kontaktperson von der Stasi oder einem anderen östlichen Geheimdienst, dem er über seine Arbeit beim Chemiekonzern Ciba berichtete?

1996 stand die Polizei kurz davor, die Akten des Falls für immer zu schließen, weil Mord in der Schweiz damals nach 20 Jahren verjährte. Da stieß ein Bauarbeiter beim Ausbau einer Einbauküche in Olten nahe Basel auf ein Geheimfach hinter einem Küchenschrank, in dem sich zwei Plastiktüten befanden. In der einen lagen ein Briefmarkenbogen des Deutschen Reichs von den Olympischen Spielen 1936 und mehrere Briefe. In der anderen Tüte fand sich eine Winchester mit abgesägtem Lauf – die Tatwaffe von Seewen.

Die Waffe gehörte einem Carl Doser, dessen 1980 verstorbene Mutter zum Zeitpunkt des Mordes die Wohnung in Olten bewohnt hatte. Doser war nach dem Mord auch von der Polizei befragt worden, weil er eine Winchester besaß. Er hatte aber ausgesagt, sie vor Jahren auf einem Flohmarkt verkauft zu haben.

War der zum Tatzeitpunkt 29-jährige Carl Doser also der Todesschütze von Seewen? Die Polizei konnte ihn nie befragen, denn Doser hatte ein Jahr nach dem Fünffachmord die Schweiz mit unbekanntem Ziel verlassen und blieb bis heute verschwunden.

Auch ein Hinweis der Brandenburger Polizei half nicht weiter. Kurz nach der Wende war in einem Waldstück nördlich von Berlin die zu DDR-Zeiten verscharrte Leiche eines Unbekannten entdeckt worden. Auffällig war, dass der Mann offenbar aus dem Westen stammte, eine wertvolle Schweizer Uhr trug, aber in einem NVA-Trainingsanzug steckte. Jahre später meldete sich ein vermeintlicher Informant, der behauptete, bei dem Toten handele es sich um Carl Doser, der die Familie Siegrist im Zusammenhang mit versteckten Nazi-Schätzen ermordet haben soll. Ein DNA-Abgleich der Leiche mit einem Halbbruder Dosers, um den die Schweizer Behörden gebeten hatten, erbrachte jedoch keine Übereinstimmung.

Die Schweizer Polizei hat die Akte zum Fünffachmord von Seewen geschlossen. Die Tat ist verjährt, es gibt keine Möglichkeit einer Ermittlung mehr. Nur die Hoffnung bleibt, dass sich der oder die Täter am Ende ihres Lebens doch noch offenbaren.