Berlin - Als Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Holger Stahlknecht, sein CDU-Amtskollege aus Sachsen-Anhalt, am Dienstag in Berlin vor die Presse traten, um die Polizeiliche Kriminalstatistik zu präsentieren, war der Kern ihrer Botschaft längst bekannt. Schon vor Tagen war nämlich durchgesickert, dass die polizeilich registrierten Straftaten von 2016 zu 2017 um etwa zehn Prozent zurück gegangen seien – so stark wie seit knapp 25 Jahren nicht mehr. Entsprechend stand vor der Pressekonferenz die Frage im Raum, was denn eigentlich noch zu sagen sei.

Eine ganze Menge, wie sich herausstellte. Denn erstens sind die Details zum Teil interessanter als das Gesamtbild. Und zweitens sollten die beiden Politiker wieder und wieder Auskunft darüber geben, warum das Sicherheitsgefühl der Bürger der Statistik vielfach nicht folgt.

Aufs Ganze gesehen geht die Zahl der gemeldeten Straftaten tatsächlich erheblich zurück. Die Behörden erfassten im vergangenen Jahr 5,76 Millionen Straftaten. Das ist die niedrigste Zahl seit 1992. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ist die erfasste Kriminalitätsrate sogar niedriger als in den vergangenen 30 Jahren. Auf 100000 Einwohner kommen demnach weniger als 7000 Fälle. Dabei waren drei Viertel der 1,98 Millionen Tatverdächtigen den Angaben zufolge Männer – und etwa 30 Prozent Ausländer.

Einen erheblichen Rückgang von 11,8 Prozent verzeichnen die Behörden beim Diebstahl. So sanken die Fälle von Wohnungseinbruchsdiebstahl um 23,0 Prozent, beim Taschendiebstahl um 22,7 Prozent. Seehofer strich dies besonders heraus. Die Gewaltkriminalität ist ebenfalls leicht zurückgegangen – um 2,4 Prozent. Um 12,9 Prozent angestiegen sind dagegen Delikte, bei denen Pornografie verbreitet wurde. Bei Verstößen gegen das Waffenrecht gab es laut Kriminalstatistik einen Zuwachs um 10,3 Prozent, bei Rauschgiftdelikten um 9,2 Prozent, bei der Wirtschaftskriminalität gar um 28,7 Prozent.

Das Problem der politisch motivierten Kriminalität

Ein Fall für sich ist schließlich die politisch motivierte Kriminalität. Sie ging erstmals seit 2012 wieder zurück. Mehr als die Hälfte aller gemeldeten Straftaten waren 2017 rechtsmotivierte Delikte. Dass die Zahl der Gewaltdelikte durch Vertreter der linken Szene 2017 um mehr als 15 Prozent auf 1967 Fälle stieg, hat vor allem mit den Krawallen rund um den G20-Gipfel in Hamburg zu tun. Einen deutlichen Anstieg gab es auch bei religiös motivierten Gewaltdelikten, hinter denen hauptsächlich Menschen mit islamistischem Weltbild stehen. Hier verzeichneten die Behörden einen Zuwachs um mehr als 95 Prozent. „Deutschland ist sicherer geworden“, bilanzierte der Bundesinnenminister. „Gleichwohl gibt es zur Entwarnung keinen Anlass.“ Bleibt die Frage, warum manche Bürger auch dem Gesamttrend nicht glauben.

Einschränkungen von Innenminister Seehofer

Seehofer beteuerte: „Die Statistik bildet objektiv die Lebenswirklichkeit ab.“ Er schränkte allerdings ein: „soweit sie bei den Sicherheitsbehörden landet.“ Stahlknecht stimmte dem zu. Zuletzt vom Bund Deutscher Kriminalbeamter ins Feld geführte Dunkelfeldzahlen seien „überhaupt nicht belastbar. Das hat für mich keine Relevanz.“ Der BDK-Vorsitzende André Schulz hatte erklärt, die Zahl der Straftaten liege vermutlich vier- bis fünfmal höher als die bei der Polizei registrierten. Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Thomas Bliesener, hatte dieser Zeitung gesagt, erst die Kriminalstatistik, Daten der Justiz, Dunkelfeldzahlen und wissenschaftliche Untersuchungen zusammen ergäben ein einigermaßen valides Bild – zugleich indes hinzugefügt: dass die Kriminalität langfristig rückläufig sei, sei im Prinzip allen Daten gemein.

Sachsen-Anhalts Innenminister unterstrich: „Deutschland ist ein sicheres Land.“ Dass das Sicherheitsgefühl vieler Menschen davon abweiche, sei normal. Derzeit gehe die Schwere jedoch weiter auseinander als sonst. Das, glaubt der Christdemokrat, habe auch mit einem „politisch-publizistischen Verstärkerkreislauf“ zu tun. Es sei jedenfalls gut, wenn alle Beteiligten dafür sorgten, „dass die Bevölkerung nicht in Hysterie verfällt“.