Nach mehr als drei Jahrzehnten in Haft trifft Jens Söring am Flughafen in Frankfurt ein.
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BerlinNach 33 Jahren Haft ist Jens Söring wieder auf freiem Fuß – und zurück in Deutschland. Wie kann man nach so langer Zeit im Gefängnis wieder ein geregeltes Leben führen? Der Kriminologe und Sozialwissenschaftler Bernd Maelicke hat Bedenken.

Herr Maelicke, Sie waren lange verantwortlich für den Strafvollzug in Schleswig-Holstein, sind Experte in Sachen Resozialisierung. Was macht diesen Fall so besonders?

Da ist zum einen die lange Haftdauer. In Deutschland werden fast alle Straftäter nach spätestens 20 Jahren entlassen. Und wir haben hier auch ganz andere Haftbedingungen.

Söring saß in einem US-Gefängnis …

… und kommt nun aus dieser Unterwelt, dem schlimmsten Knast, den man sich vorstellen kann, zu uns zurück. Noch wissen wir nicht, ob er selbst Opfer von Gewalt wurde, aber sicher ist, dass er in diesen 33 Jahren Gewalt, Prostitution, Drogenkriminalität und Vergewaltigungen mitbekommen hat, denn das ist Alltag in amerikanischen Gefängnissen. Davon wird er psychische und physische Blessuren davongetragen haben.

Kann man nach solchen Erlebnissen je wieder ein normales Leben führen?

Die tiefen Wunden, die er davongetragen hat, werden vielleicht vernarben, aber niemals heilen. Man muss sich das vorstellen: Er wird von heute auf morgen entlassen, abgeschoben, und kommt jetzt zurück in ein Land, das er kaum kennt. Er sagte, er will sich erstmal das offene Brandenburger Tor ansehen: Das sagt eigentlich alles.

Kriminologe Bernd Maelicke
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Wo sehen Sie in den nächsten Wochen die größten Probleme für Jens Söring?

Zunächst muss er Hilfe finden – bei der Wiedereingliederung und eventuell auch therapeutischer Art. In deutschen Gefängnissen gibt es Sozialarbeiter, ausgebildete Psychologen, es gibt Urlaub, Ausgang und eine Entlassungsvorbereitung. All das findet in den USA nicht statt. Söring muss nicht resozialisiert, er muss überhaupt erst mal sozialisiert werden, um in dieser Gesellschaft überleben zu können. Er kennt keine Smartphones, keine Verkehrsregeln – und zwischenmenschliche Beziehungen dürften ihm auch sehr fremd geworden sein.

Was würden Sie ihm raten?

Es gibt gute Beratungsstellen für Ex-Häftlinge. Zu wünschen ist ihm, dass er Menschen findet, denen er vertrauen kann. Die nicht aus seiner Geschichte Profit schlagen wollen. Er braucht stabile soziale Beziehungen.

Das klingt, als hätten Sie Mitleid. Er ist trotz allem ein verurteilter Straftäter.

Mitleid ist das falsche Wort. Die Tat ist einmalig gewesen und Jahrzehnte her. Ich sehe bei ihm keine Rückfallgefahr und glaube, dass man Menschen wie ihn nicht allein lassen darf.

Das Gespräch führte Anne Vorbringer.